Kola

aus dem Russischen übersetzt von Adrian van Schwamen

9. November 1974

Gestern bekam ich einen Brief, dass ich als leitender Ingenieur für Kola SG-3 eingeteilt wurde, eine Bohrung im Norden Skandinaviens. Meine Frau hat mir ohne zu zögern dieses Notizbuch besorgt. Sie möchte wohl, dass ich genau berichten kann, wenn ich Heim komme. Dann könne ich womöglich unsere Tochter für meinen Beruf begeistern, behauptet sie. Es ist mein erstes Projekt dieser Art, aber ich schätze das wird nur klappen, wenn ich nicht zu sehr ins Detail gehen werde. 

16. Januar 1975

Habe soeben mein Quartier im Hauptgebäude bezogen. Es ist ziemlich weit von der Bohranlage entfernt und sehr klein. Habe nur ein klappriges Bett, einen kleinen Schreibtisch und einen Schrank. Das Fenster ist schmutzig, aber viel zu sehen gibt es in der kargen Landschaft sowieso nicht.

Die Männer haben mir erklärt, dass sie bereits in eine Tiefe von knapp 7.000 Metern vorgedrungen sind. Sie werden wohl bald die alte Bohranlage auswechseln müssen und ich werde es überwachen. Ich bin gespannt.

22. November 1975

Die alte Bohranlage ist inzwischen komplett ausgetauscht. Inmitten der Anlage steht nun ein fast 70 Meter hoher Turm, in dem wir den neuen Bohrer installiert haben. Wir planen damit eine Tiefe von 15.000 Metern zu erreichen.

6. Juni 1979

Haben seit heute die bisherige Rekordtiefe der Amerikaner übertrumpft. Die Arbeiten gehen jedoch nur schleppend voran. Tatsächlich gebohrt wird nur knapp eine Stunde pro Tag. Das war mir vorher zwar bewusst, die Realität ist dennoch sehr ernüchternd gewesen.

27. September 1984

Es kam zu einer Unterbrechung. Nach Ausschalten der Anlage vibrierte das Gestänge ungewöhnlich stark weiter. Wir beschlossen, den Bohrmeißel zu überprüfen. Beim Versuch, diesen an die Oberfläche zu befördern, mussten wir mit Entsetzen feststellen, dass wir 5000 Meter Gestänge verloren hatten. Es muss sich wohl verkeilt haben und dann gerissen sein. Schade um den guten Bohrmeißel, hatte ihn selbst eingesetzt. Der letzte dieser Art, den wir hatten. Wir haben uns dazu entschieden, eine weitere Bohrung von der Bestehenden abzweigen zu lassen. Das kaputte Gestänge wurde eingelagert. Wie alles hier draußen wird es vermutlich ewig dauern, bis es endgültig entsorgt wird.

12. Juni 1989

Der dritte Neuversuch hat uns endlich in eine noch nicht erreichte Tiefe vordringen lassen. Wir sind bei knapp 12.200 Metern angelangt. Wir kämpfen aktuell mit einem überraschend hohen Temperaturanstieg unterhalb der 11.000 Meter. Zudem sind wir vermutlich auf einen Hohlraum gestoßen. Die Bohrung soll vorerst ausgesetzt werden.

15. Juni 1989

Ich habe meine freie Zeit genutzt und mir die zutage beförderten Teile des zerstörten Gestänges etwas genauer angeschaut. Der offizielle Bericht wurde bereits abgeschickt mit der Erklärung, es sei gerissen. Anscheinend jedoch ist die Aluminiumlegierung geschmolzen. Das ist merkwürdig, da sie für bis zu 250 Grad Celsius ausgelegt war. Auch die Kanten sehen merkwürdig aus. Würde es nicht völlig absurd erscheinen könnte man gar meinen, es sei abgebissen worden.

3. September 1989

Zur Untersuchung des Hohlraums haben wir insgesamt zwei Mikrofone in das Loch abgelassen. Zunächst glaubten wir, das erste sei kaputt gewesen, da es sich am tiefsten Punkt anhörte, als könne man Schreie von Menschen hören. Als das Zweite die gleichen Ergebnisse lieferte, sahen wir ein, dass es irgendein Echo sein müsste, das wir womöglich selbst erzeugten.

5. September

Heute haben wir bei einem weiteren Versuch mit anders eingestellten Mikrofonen drei von diesen nicht mehr hoch holen können. Die Kabel sind zunächst bei knapp 11.000, dann bei 10.000 und schließlich bei 9.500 Metern gerissen und weisen an den gerissenen Stellen Schmauchspuren auf. Uns gehen leider die entsprechend brauchbaren Kabel aus.

Einer der Geologen spricht von möglichen vulkanischen Aktivitäten, kann sich aber auch nicht genau erklären, wie es dazu kommen kann. Wir beschlossen, bei knapp 6.000 Metern einen Temperaturmesser zu installieren.

6. September

Den Temperaturmesser konnten wir heute nur noch völlig verschmolzen und verkohlt bergen. Wir packen zusammen, werden morgen in der Frühe das Gebäude verlassen und aus einiger Entfernung auf weitere Anweisungen warten.

7. September

Wurde soeben aus einem verschwitzen Schlaf gerissen, als ich vor meinem Fenster ein Scharren gehört habe. Ich meinte, durch die mit schwarzem Staub überzogene Scheibe den verlorenen Bohrmeißel erkennen zu können, der dort wie auf dem Präsentierteller platziert wurde. In einiger Entfernung glaubte ich, ein massiges Tier von der Anlage wegrennen zu sehen. Bringe es nicht über mich, vor die Tür zu gehen, um den Meißel zu inspizieren und versuche mich durch das Aufschreiben zu beruhigen. Es führt aber kein Weg daran vorbei, ich muss raus. Den Anderen ist der Radau wahrscheinlich auch nicht entgangen.

Die Türklinke ist heiß.

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