Die Regeln des Teufels

Die Lamellen der alten Rollläden griffen klackernd ineinander und verliehen dem kerzenbeschienenen Raum dahinter bei helllichtem Tage die finstere Aura des Verschworenen. Arthur Bluhm hatte bei den Vorbereitungen an alles gedacht. Bilder von Familie und Freunden waren verstaut, Bücherregale verhangen und unter einer alten fusseligen Decke, die über einen Schreibtisch gezogen worden war, deutete sich lediglich noch die Form einer Bankierlampe an. Nichts in diesem Zimmer konnte irgendwie darauf hinweisen, wer hier wohnte, geschweige denn wo es sich befand.

Mit einem dicken Filzstift formte Arthur einen Kreis auf den Holzdielen. Er hatte in den Beschreibungen des Rituals immer gelesen, dass man es mit Kreide machen könne. Zu oft hatte er jedoch Filme gesehen, in denen das Siegel bereits durch einen Windhauch oder einen falschen Schritt durchbrochen worden war. Letztlich war es auch das Symbol, worauf es ankam, und dieses hatte er bereits hunderte Male geübt.

In diesen ersten Kreis zeichnete er weitere kleinere, verteilte jahrtausendealte Schriftzeichen am Rand und bildete schließlich aus sechs nacheinander gezogenen Linien ein sternförmiges Konstrukt. Zuletzt markierte er den äußersten Kreis mit drei wie willkürlich verteilten Kreuzen und platzierte mittig ein gefaltetes Stück Papier. Im Licht einer flackernden Kerze inspizierte er sein Werk. So müsste es klappen, dachte er sich, drückte die Kerze wieder in ihren altmodischen Halter und setzte sich in größtmöglicher Entfernung auf einen Stuhl. Er sprach die Worte, die er selbst nicht hätte aufschreiben können und die er mithilfe alter Tonaufnahmen hatte auswendig lernen müssen, und stülpte sich hastig einen Sack über den Kopf. Durch die engen Maschen hindurch sah er zunächst das rote Licht der Kerzen auflodern, gefolgt von einer bläulichen Flammensäule, aus der er schemenhaft eine unwirkliche Gestalt hervorkommen zu sehen glaubte. Dann versank der Raum in Finsternis, und alles, was Arthur wahrnehmen konnte, war die unnatürliche Hitze um ihn herum, das markerschütternde Rumpeln in seiner Brust und der rasselnde Atem auf der anderen Seite des Raumes.

„Du bist… hier nur Gast. Es… es ist dir nicht erlaubt, den Kreis zu verlassen. Du stehst in me… meiner Pflicht“, stammelte Arthur. So gut es ging, holte er unter seiner Maske tief Luft und fuhr mit neu gefundener Fassung fort: „Du hast keine Macht hier!“

Die Hitze schwoll schlagartig ab und nach einem Moment unerträglicher Stille folgte mit einer tiefen, alles umschlingenden Stimme eine Erwiderung.

„Ist das so? Und da bist du dir sicher?“

„Deine Anweisungen liegen aufgeschrieben zu deinen Füßen.“

„Füße, sagst du? Wie nett. In all den Jahrhunderten kam noch niemand auf die Idee, sie als einfache Füße zu bezeichnen. Vielleicht solltest du deine Maske abnehmen und sie genauer betrachten.“

„Nimm deine Anweisungen und lies“, sagte Arthur und kämpfte gegen den aufkeimenden Drang, sich den Sack vom Kopf zu reißen. Er lauschte dem Rascheln des Papiers, gefolgt von einem unterdrückten Lachen, das gleichzeitig Knurren, Fauchen und Zischen zu sein schien.

„Und warum sollte ich das tun?“, fragte die Stimme.

„Ich… ich habe dich beschworen. Du stehst auf Sthror’lyret, dem Siegel, das den Teufel bändigt. Ich habe alles darüber gelesen, du kannst mir nichts vormachen.“

„Der Teufel also. Und du glaubst, er würde sich einfach so hier her locken lassen? Von einem einfachen Menschen?“

„Tu, was ich von dir verlange“, sagte Arthur mit trockener Kehle.

„Und dieses Siegel. Was, wenn es mich nicht hält? Vielleicht stehe ich schon außerhalb, wer weiß? Ich würde es an deiner Stelle kontrollieren.“

Arthur schluckte. Er konzentrierte sich auf die Quelle der schreckenerregenden Stimme und konnte dennoch nicht abschätzen, von wo sie kam. Er musste sich ganz auf seine Vorbereitungen verlassen. Er war sich sicher, dass er alles richtig gemacht hatte. Der Dämon konnte nicht aus dem Kreis treten.

„Es ist zudem äußerst unhöflich“, fuhr die Stimme fort, „seinem Gegenüber nicht in die Augen zu schauen, wenn man sich unterhält. Nimm doch die Maske endlich ab, oder soll ich das für dich erledigen?“

„Du bist hier nicht eingeladen, du kannst mir nicht näher kommen.“

„Glaubst du wirklich, dass diese Kritzelei ausreicht, mich zurückzuhalten?“

„Ich kenne alle Berichte. Sie behaupten alle das Gleiche.“

„Und was meinst du, würde mit denen passieren, die herausfinden, dass es nicht funktioniert? Könnten sie davon berichten?“

„Ich…“, setzte Arthur verunsichert an, wurde jedoch jäh unterbrochen.

„Du hast ja nicht einmal Kreide verwendet. Ich bin immer wieder erstaunt über die Risikobereitschaft, die ihr euch anmaßt. Nimm doch einfach deine Maske ab und vielleicht kommst du noch heile aus der Sache heraus. Ich mag es nicht, mit einem schmutzigen Beutel zu reden.“

„Deine Worte werden mich nicht…“

Arthur spürte, wie seine Hände zitterten, bereit, sich das Stück Stoff vom Kopf zu reißen, während es um ihn wieder wärmer wurde.

„Setz die Maske ab oder ich kann nicht garantieren, dass du es nicht bereuen wirst. Ich störe mich nicht an euch Dreckwühlern. Keiner von uns tut das – so wie ihr euch nicht an den Käfern stört, die ihr unbemerkt im Vorbeigehen zertretet. Aber ich hasse euren Hochmut und ich verabscheue Respektlosigkeit.“

„Die Maske bleibt, wo sie ist!“, schrie Arthur gleichermaßen zu sich selbst und zu dem, was da vor ihm stand in der immer drückender werdenden Hitze.

„Setz deine Maske ab, Arthur, sonst…!“

„Deine Anwesenheit ist hier nicht mehr länger erwünscht!“, brüllte Arthur mit aller Kraft. Das bläuliche Feuer flammte erneut auf, erlosch daraufhin so abrupt, wie es gekommen war und nahm die sengende Hitze mit sich. Er riss sich den Sack vom Kopf. Sein Körper bebte. Sämtliche Kerzen waren wieder flackernd entzündet und offenbarten die verkohlten Spuren einer unwirklichen Monstrosität nur wenige Zentimeter vor ihm auf dem Boden. Arthur rannte zum Fenster, zerrte an einem Band und die Rollläden schossen in die Höhe. Dann riss er das Fenster auf, stemmte sich auf die Fensterbank und nahm einen so tiefen Atemzug, als sei es sein erster überhaupt. Immer ruhiger einatmend versuchte er sich mit jedem weiteren Sinneseindruck mehr und mehr in die Realität zurückzuholen. Da war der kühle Frühlingswind. Das Zwitschern der Vögel. Das Rauschen der naheliegenden Autobahn. Die Strahlen einer hoch im klarblauen Himmel stehenden Sonne. Und schließlich ein einzelner warmer Hauch in seinem Nacken.

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