Abgesang

In 98% der Fälle würde die Krankheit mild verlaufen, das wurde immer wieder betont. Warum wir deshalb in Quarantäne mussten, wollte mir zunächst nicht einleuchten. Zum Schutz der Alten und Vorerkrankten, hieß es von staatlicher Seite, und ich gab mich damit zufrieden. Es war im Grunde genommen auch kein großer Umstand für mich. Die völlige…

Der Mythos

An einem Küstenstreifen in der Nähe eines kleinen Fischerdorfes, lange bevor es als Dünkirchen bekannt werden würde, und noch länger, bevor es seinen historischen Stellenwert erlangen würde, ließen eine Handvoll Fischer den anstrengenden Tag am wärmenden Feuer ausklingen. Das Rauschen des Meeres in ihren Ohren, die Finsternis um sie herum und der Stolz und die…

Der letzte Kaffee

Was dort aus der Kaffeekanne lief, wäre für Thomas früher kaum als Kaffee durchgegangen. Er neigte seit jeher dazu, ihn zu stark zu machen. Er war kein Barista, hatte niemals auf die Qualität der Bohnen, die perfekte Röstung oder die passende Brühmethode geachtet. Stark musste sein Getränk sein, mehr nicht. Und wie sehr er dieses…

Neues Jahr – Neues Glück

Sandra liebte den Fernen Osten. Chinesisches Essen, koreanische Filme, japanische Kunst – all das und so vieles mehr aus dieser exotischen Welt übte schon früh eine ungewöhnlich starke Anziehungskraft auf sie aus. Der Klang der Sprachen und die vielfältigen Schriftzeichen bewegten etwas in ihr, lange bevor sie in der Lage war, irgendwas davon zu verstehen.…

Paranoid

paranoid: (bildungssprachlich) krankhaft misstrauisch Neben dieser simplen Definition des Wortes kannte Thomas noch unzählige andere. Zu oft hatte er sich von Bekannten anhören müssen, er sei paranoid. Das konnte er nicht auf sich sitzen lassen. Ist es paranoid, in sozialen Netzwerken unter falschem Namen zu verkehren? Ist es denn paranoid, unter einem Pseudonym Bücher zu…

Die Regeln des Teufels

Die Lamellen der alten Rollläden griffen klackernd ineinander und verliehen dem kerzenbeschienenen Raum dahinter bei helllichtem Tage die finstere Aura des Verschworenen. Arthur Bluhm hatte bei den Vorbereitungen an alles gedacht. Bilder von Familie und Freunden waren verstaut, Bücherregale verhangen und unter einer alten fusseligen Decke, die über einen Schreibtisch gezogen worden war, deutete sich…

Kola

aus dem Russischen übersetzt von Adrian van Schwamen 9. November 1974 Gestern bekam ich einen Brief, dass ich als leitender Ingenieur für Kola SG-3 eingeteilt wurde, eine Bohrung im Norden Skandinaviens. Meine Frau hat mir ohne zu zögern dieses Notizbuch besorgt. Sie möchte wohl, dass ich genau berichten kann, wenn ich Heim komme. Dann könne…

Die Festung im All

Seit ich denken konnte war mein Schlaf von nervenzehrenden Albträumen geplagt. Dies ging so weit, dass ich irgendwann die Nacht nicht mehr wirklich als eine Zeit der Erholung betrachten konnte. Mein Unterbewusstsein schickte mich auf die irrwitzigsten Reisen, die nicht selten in Horror und Tortur für meine Psyche gipfelten, denen ich hoffnungslos ausgeliefert zu sein…

Der weiße Turm zu Baalfeld

Zwischen den finsteren Buchen des Lephainer Forsts und den sanften Gipfeln der Harzer Berglandschaft, die dem dazwischenliegenden Tal zwar einen verspäteten, aber im Panorama der mächtigen Hügelkuppen und tanzenden Fichtenreihen umso erstaunlicheren Sonnenaufgang bescherte, da lag die Stadt Baalfeld an der reichen und rauschenden Ule. An das Leben in dieser Stadt meiner Jugend kann ich…

Das Bildnis

Obschon der ganzen zivilisierten Welt die unerreichte Kunstfertigkeit des Bildhauers Heinrich von Düsseldorf bekannt gewesen war, hatte niemand mit dem gerechnet, was dieser nach drei Jahren der Isolation der Welt offenbaren würde. Mitten im Zentrum von Ulenfurt über die gesamte Länge der Kirche des Heiligen Sebastian, hatte er hinter schweren Vorhängen und unter ständiger Bewachung…

Die Ankunft

Karneval in Venedig. Bunte Masken tanzten fröhlich durch die Straßen und über die Brücken. Die Stimmung war ausgelassen. Wein durchzog die Kehlen der Menschen wie das Wasser die Kanäle der Stadt. Die Einheimischen konnten und wollten sich dem Trubel nicht entziehen, die Fremden waren für dieses Spektakel mitunter wochenlang angereist. Schiffe aus aller Herren Länder…

Die Traumsuche

Es war einmal ein langer Weg, der hastete zielstrebig von Felsen zu Felsen, nahm hier und da kleine Abkürzungen durch Spalten und über Flüsse und umarmte zu einem komplexe Netz verwoben die gesamte Berglandschaft der westlichen Repalken. Schon oft hat er kichernd einsame Bergwanderer hinters Licht geführt, indem er seine Abzweigungen ins Leere laufen ließ.…

Es ist alles ganz furchtbar (in Prosa)

Es ist ein grauer Nachmittag im November. Die kahlen Baumwipfel der kalten Alleen wiegen sich melancholisch im Wind. Ein einzelnes trockenes Blatt löst sich und schwebt melancholisch zu Boden, wo es von den vorbeikommenden Passanten zertreten wird, so wie sie es auch gegenseitig tun, wenn sie die Gelegenheit bekommen. Nur augenscheinlich nebeneinander streifen sie alle…

Die Seuche

Sie nannten ihn Einsiedler. Der Alte vom Berg. Der wirre Greis. Er hatte viele Namen in unserem kleinen Dorf, aber man wusste stets, wer gemeint war. Ich hingegen, und damit war ich der Einzige, sprach ihn zumeist mit Mein Herr an. Ich hielt es für respektvoll. Er mochte es nicht. Doktor sollte ich ihn nennen.…

Der Schaum-Aal

Der Schaum-Aal stellt eine jener Kuriositäten dar, welche durch die strikte Einhaltung des §67 der Allgemeinen Bestimmungen der Weltenwanderer hervorgehen, besser bekannt als der „Wer’s zuerst gesehen, dem soll die Namensgebung zustehen“ – Paragraph. Besteht zum einen keine nähere Verwandtschaft zur Gattung der Aale, besitzt der Schaum-Aal zudem auch keinerlei äußerliche Ähnlichkeiten zu solchen mit…

Das Symbol

Seine Hand zitterte, der Stift drohte ihm zu entgleiten. Er legte ihn noch einmal kurz auf das untere Ende des Blattes, wischte sich die feuchte Handfläche am Hosenbein ab. Der Gedanke an die Wirkung dieser Geste trieb ihm die Hitze in den Schädel und er spürte ein unerträgliches Pochen an den Schläfen. Er wollte sich…

Der Damokles-Schwertfisch

Einst lebte ein Fischer im fernen Syrakus, der zerbrach sich den Kopf darüber, wie er Kundschaft zu sich in den Laden locken konnte. Da kam ihm nach einem reichen Beifang die Idee, einen kolossalen Schwertfisch zu präparieren und hinter der Verkaufstheke als Blickfänger aufzuhängen. Aus purem Geiz heraus verwendete er als Aufhängung für den Fisch…

Die Kreuzotter und die Kreuzotter

Eine Schlange klopfte an eine Klostertür, und zwei Otter, in weißen Roben mit roten Kreuzen gewandet, öffneten ihr, händchenhaltend. „Guten Tag, ich bin auf der Suche nach dem Orden der Kreuzotter“, sagte die Schlange. „Da haben Sie Glück, wir sind vom Orden der Kreuzotter. Wie können wir Ihnen helfen?“, fragte einer der Otter. „Nun“, antwortete…

Das Nilpferd

Ein Nilpferd stand an einem See und beobachtete eine Herde Einhörner. Es war neidisch, denn es bewunderte sie. Ihre Eleganz, ihre Anmut, ihre Schönheit. „Das sind auch nur Pferde mit Hörnern“, sagte die Mutter des Nilpferds eines Tages und dachte, das Thema sei damit erledigt. „Aber wir sind doch Nilpferde, oder?“, fragte das Nilpferd daraufhin.…

Das Maultier und das Zebra

Ein Maultier sah sich einst zwischen Eseln stehen, und sie waren ihm nicht wohlgesonnen. „Du bist doch auch nur ein Esel“, grölte einer gereizt, „wie dein Vater auch!“ „Du denkst wohl, du seist besser als wir“, plärrte ein anderer, „nur, weil deine Mutter ein Pferd ist!“ Und das Maultier zog weiter und gesellte sich an…

Die Fledermaus und der Dachs

Eine Fledermaus hing einmal nebst einigen Stalaktiten kopfüber an einer Höhlendecke in Erwartung der einbrechenden Nacht. Während sie so wartete, kam ein Dachs daher und trottete durch die Höhle. Die Fledermaus bemerkte ein Loch im Höhlenboden, und der Dachs ging direkt darauf zu. „Hey, Dachs, über dir!“, schallte es aus dem Munde der Fledermaus. Der…

Das Lied von Eis und Erdnussbutter

Vor langer Zeit in einem weit entfernten Reich, da herrschte ein weiser und gütiger König. Seine Untertanen liebten und achteten ihn und er liebte und achtete seine Untertanen. So wurden am Hofe des Königs große Feste gefeiert und die Tore standen für alle offen, sodass sich die Tafel beizeiten bis über die Grenzen der umliegenden…

Esel und Eule

Ein Esel bat einst ehrfürchtig um eine Audienz bei der Eule. Geneigten Hauptes stellte er sich vor, und offenbarte sein Anliegen. „Eule, als dumm und stur werde ich oft verschrien, bin gar das Sinnbild für derartige Laster und Untugenden. Mein Name ist eine Beleidigung, meine Ohren Verunglimpfungen der Literatur, meine Brücken sind die Wege der…