Die Festung im All

Seit ich denken konnte war mein Schlaf von nervenzehrenden Albträumen geplagt. Dies ging so weit, dass ich irgendwann die Nacht nicht mehr wirklich als eine Zeit der Erholung betrachten konnte. Mein Unterbewusstsein schickte mich auf die irrwitzigsten Reisen, die nicht selten in Horror und Tortur für meine Psyche gipfelten, denen ich hoffnungslos ausgeliefert zu sein schien. Da ich auch meinem Umfeld dies von Zeit zu Zeit mitzuteilen pflegte, kamen hin und wieder gut gemeinte Ratschläge, wie ich an dem Problem arbeiten könnte. Am interessantesten dabei schien mir die Idee, mithilfe eines Traumtagebuchs ein stärkeres Bewusstsein für meine nächtlichen Gedankenfahrten zu entwickeln, sie als solche direkt wahrnehmen oder gar kontrollieren zu können.

So spannend ich diese Vorstellung auch empfand, lag das zu diesem Zwecke besorgte Notizbuch zunächst etliche Monate unbenutzt auf meinem Nachttisch. Der Alltag hatte dazu geführt, dass ich die Minuten am Morgen lieber nutzen mochte, um in einem traumlosen Dämmerzustand noch etwas von der Erholung nachzuholen, die ich in der Nacht nicht bekommen konnte. Am Abend schließlich war die Erinnerung an die Träume bereits verblasst.

Nicht so jedoch im Falle meiner jüngsten Erfahrung, die ich mir auch jetzt, obschon es bereits tiefe Nacht ist und der Traum bereits ein paar Tage in der Vergangenheit liegt, noch so lebhaft vor Augen rufen kann, dass ich mich in der Lage sehe, sie äußerst detailliert und genau niederzuschreiben. Mehr noch, ich habe das Gefühl, ich muss dies tun, um das, was ich gesehen habe, auf irgendeine Art zu verarbeiten.

An besagtem Abend war ich auf das Einschlafen noch nicht vorbereitet. Ich saß aufrecht in meinem Bett und las (man könnte es als unvernünftig bezeichnen) eine Kurzgeschichte aus der Feder H.P. Lovecrafts, als mich ein Gefühl übermannte, das weniger mit Müdigkeit als mit Schwindelgefühl gemein hatte. Es war, als würde sich etwas um jede einzelne meiner Hirnwindungen schlingen, fest daran ziehen und mich unbarmherzig zu Boden ringen. Die darauf folgende Schwärze lässt sich nur als grauenvoll umschreiben. Ich fühlte, als sei ich mit dem Rücken zur Wand der konzentrierten Finsternis und Leere des Weltalls ausgesetzt. Bekannte Sternenbilder setzten sich vor mir zusammen, deformierten und rauschten an mir vorbei. Einzelne Lichter wuchsen zu Sternenhaufen, planetarischen Nebeln und wirbelnden Galaxien heran. Es zerriss mich förmlich im Bewusstsein der eigenen kosmischen Bedeutungslosigkeit. Doch eine Kraft, wie ich sie nie zuvor gespürt hatte, hielt meinen Körper in seinen Grundfesten zusammen.

Es mag wie eine hohle Phrase klingen, etwas, das man schon in etlichen anderen Werken der Kunst so formuliert hatte, aber es lässt sich an dieser Stelle nicht anders beschreiben: Wie lange die Reise dauerte, vermag ich nicht zu bestimmen. Es hätten Sekunden sein können, Tage, sogar Jahre. Zeit spielte in den Sphären die ich durchwanderte eine andere Rolle.

Dann war es, als würde ich an einem Ziel ankommen. Ein kohlschwarzer Himmelskörper, unförmig, starr und scheinbar keinem anliegenden Stern untertan. Ich setzte die Füße auf die kalte Oberfläche dieser fremden Welt und wünschte mich sogleich in die Weiten des Alls zurück. Man denke sich die schlimmste Vorstellung der irdisch erdachten Hölle und könnte sich dennoch keine Vorstellung von der Bedrohlichkeit dieses Ortes machen. Keiner einheitlichen Gravitation unterworfen schwebten Bruchstücke dunklen Gesteins willkürlich umher. Hie und da ragten pechschwarze, makellose Kristalle aus mattschwarzen, vulkanisch geformten Felsen. Beleuchtet wurde die Szenerie nur schwach durch das Licht zahlloser, weit entfernter Sternengruppen. Ohne es selbst steuern zu können, schwebte ich durch diese unwirkliche Landschaft und fand mich schließlich am Rande eines unvorstellbar tiefen Kraters wieder, dessen Zentrum ein in der Finsternis wurzelndes, bizarres Felsenmassiv darstellte. Die Spitze dieser erdrückenden Formation ragte wiederum weit über die Oberfläche des Himmelskörpers hinaus und sie erinnerte vage an die Form eines Schlosses, ließe jedoch jedes dieser Art im direkten Vergleich nahezu lächerlich erscheinen. Eine zyklopische Brücke führte über den Krater hin zu einem kolossalen Eingangstor und der Gedanke daran, für wen dieser Durchgang errichtet worden war, brachte mein Blut dem Gefrierpunkt nahe. Alle meine Gedanken wehrten sich dagegen, diesem scheußlichen Gebilde näherzukommen. Mein Körper allerdings ließ sich nicht beirren und steuerte nun nicht mehr schwebend, sondern mit beiden Füßen auf dem Boden die Brücke überquerend dem Eingang entgegen.

Beim Näherkommen bemerkte ich, dass auf der Oberfläche des Massivs stellenweise ein reges Treiben herrschte. Formlose Objekte huschten wie aufgescheucht umher, einige von ihnen erklommen den Felsbogen, der den oberen Rand des Tores darstellte, tropften förmlich herab und setzen sich zu einem immer größer werdenden schauderhaften Ganzen zusammen, dass nach keinem der irdischen Maßstäbe zufriedenstellend beschrieben werden könnte. Organische Strukturen mischten sich, gingen ineinander über, drangen ineinander ein, verschmolzen und trennten sich neu formiert voneinander, ständig verbunden durch eine gallertartige, schwarze Masse zu einer pandämonischen Monstrosität. Als auch noch der letzte Teil dieses viskosen Mosaiks herabgetropft war, streckte sich das kolossale Wesen zur vollen Größe und beugte sich vornüber in meine Richtung, ohne dass ich sagen konnte, ob aus Neugier oder in feindlicher Absicht. Seine Bewegungen waren zu fremdartig, um in ihnen den Zweck seines Handelns erahnen zu können.

Als es sich in bedrohlicher Nähe zu mir befand, konnte ich erkennen, dass sich zwischen die gänzlich unbeschreiblichen Formen hin und wieder mir bekannte Gebilde mischten. Hier der zitternde Hinterleib eines Skorpions, dort die Augen und Beine einer Spinne, an einer Stelle meinte ich sogar, eine vollständig ausgeformte Ratte aus der Masse austreten und wieder in sie eintauchen zu sehen. Ohne es selbst zu steuern, hob ich, ohne es selbst kontrollieren zu können meinen rechten Arm, hielt dem Monstrum die gespreizten Finger entgegen und ein greller Lichtblitz entfuhr meiner Hand. Für einen Moment von meiner vermeintlich eigenen Handlung geblendet, dauerte es nicht lange, und die Finsternis brach wieder über den Ort hinein, während von dem Koloss nichts mehr zu sehen war. Ich schritt durch das Tor und machte mich auf den Weg in die vor mir liegende Dunkelheit. Erneut erhob sich mein Arm, allen Anschein nach, um der Dunkelheit Herr zu werden. Bevor es allerdings zu einem erneuten Aufblitzen des grellen Lichts kam, flammten um mich herum an den Wänden des turmhohen Ganges blaue Fackeln auf, als wollte mich jemand damit willkommen heißen. Ich folgte dem Gang, und auch, wenn er sich an einigen Stellen verzweigte, zögerte ich nicht und dachte auch nicht lange darüber nach, in welcher Richtung mein Ziel liegen würde, wurde doch stets nur ein Gang in das Licht der blauen Flammen getaucht, während die übrigen Abzweigungen in undurchdringlichem Schwarz verblieben.

Nach einer Weile betrat ich durch einen abermals gigantischen Torbogen einen umso ungeheuerlicheren Raum, welcher mit großer Wahrscheinlichkeit das Zentrum dieser schwarzen Festung darstellte ob seiner Andersartigkeit. Boden, Decke und sämtliche Wände waren ausnahmslos mit unordentlich aneinander gesetzten Spiegelscherben überzogen. Die Mehrheit von ihnen war klein und wirkte im Gesamtbild wie ein Lückenfüller zwischen den makellosen, zumeist runden Spiegeln. Einer von diesen stellte das Zentrum des Bodens da, dessen Rand ich überschritt, als mein Blick in eben diesem hängen blieb. Das, was da zu mir herauf blickte, war in seiner Form noch mein Körper, hatte in seiner Farbe jedoch nichts mehr mit diesem gemein. Es war, als wäre er über und über mit der gallertartigen Masse überzogen worden, die das Monstrum am Eingang zusammengehalten hatte. Ich wandte mich vom Boden ab und schaute direkt auf meine Hände, doch sie erschienen völlig normal. Bevor mir Gelegenheit gelassen wurde, darüber nachzudenken, was das Geheimnis dieses Raumes sein könnte, ertönte eine markerschütternde Stimme und redete in einer Sprache, die ich nicht verstand und die so grausig klang, dass ich mir am liebsten die Ohren zugehalten hätte. Die Kontrolle über meinen Körper war mir jedoch noch immer gänzlich genommen, und ich musste diesem unnatürlichen Klang lauschen, ob ich wollte oder nicht. Es dauerte etwas, bis ich realisierte, dass mir das, was ich da hörte, trotz meines Unwissens über die Sprache in seinem Inhalt mehr und mehr bewusst wurde und ich begann, in der gleichen Weise zu antworten. Es ergab sich ein Gespräch, das sich nur schwer in menschliche Sprache übersetzen und dessen wesentlicher Inhalt sich, sollte man es dennoch versuchen, in wenigen Zeilen niederschreiben ließe. In Wirklichkeit dauerte es jedoch erschreckend lange Zeit an, und jedes Wort schien Äonen des Nachhalls zu bedürfen, um seine Bedeutung vollends entfalten zu können. Beginnend mit der raumerfüllenden Stimme aus dem Nichts ist es in etwa so verlaufen:

„Ich hatte dich früher erwartet, Seraph.“

„Er wartet auf dich. Er ist enttäuscht von dir.“

„Er wird noch lange warten müssen.“

„Du bist ihm Gehorsam schuldig.“

„Diese Zeiten sind vorbei.“

„Er wird sich darüber nicht freuen.“

„Ich habe ihn nicht zu fürchten. Ich hatte ihn noch nie zu fürchten. Doch erst die Unbarmherzigkeit der kalten Unendlichkeit hat mir die Augen geöffnet. Er ist so stolz auf seine Kreation. Doch sie ist nichts im Vergleich zu dem, was die kosmische Finsternis fernab seiner beschränkten Sphären bevölkert. Seine Arroganz hat ihn das vergessen lassen. Geh, erzähle ihm davon, wie unbedeutend er ist, und lass ihn beten dafür, dass es so bleibt. Er kann sich nicht ausmalen, was für Schrecken auf ihn einbrechen würden, wenn es anders wäre.“

„Lästerei eines Abtrünnigen! Dann werde ich dich wohl zwingen müssen.“

Dann, als das vorerst letzte Wort gesprochen war, ging alles ganz schnell. Mein Arm wurde in die Luft gehoben, scheinbar bereit, das gleißende Licht gegen die Stimme aus der Finsternis erstrahlen zu lassen, doch nichts tat sich. Mein Körper verharrte in dieser Position, während um mich herum ein Wirbel blauen Feuers ausbrach, der mich gänzlich umschloss. Eine nur schemenhaft erkennbare Gestalt näherte sich von der anderen Seite der Flammenwand, durchquerte diese unversehrt und trat auf mich zu. Es war ein Mann, jugendlich, schelmisch grinsend, fast noch ein Junge, der mir Schritt um Schritt näher kam und sich nun in menschlicher Sprache an mich wandte:

„Anders als er habe ich kein Problem damit, wenn jemand die Hand gegen mich erhebt. Aber bitte, sei das nächste Mal so anständig, und benutze deine eigene.“

Mit diesen Worten legte er die Hand auf meine Stirn und ein unbändiger Schmerz durchzog meinen Körper, als würde das, was sich in den Furchen meines Hirns festgesetzt hatte, nun rücksichtslos herausgerissen werden. Kraftlos fiel ich zu Boden und prallte ungebremst mit dem Kopf auf die glatte Oberfläche des Spiegelbodens. Wieder Herr meiner Selbst, stemmte ich mich hoch und sah mein eigenes Gesicht mir entgegenstarren, nun nicht mehr mit der schwarzen Substanz überzogen. Blut quellte pulsierend aus einer Wunde auf meiner schmerzenden Stirn. Hinter mir konnte ich erkennen, wie eine leuchtende Gestalt aus meinem Rücken auszubrechen schien, sechs grell leuchtende Flügel von sich gestreckt, und ein vor Höllenqualen triefender Schmerzensschrei hallte durch den Raum. Dann wurde es still um mich herum.

Ich wachte auf in meinem eigenen Bett, mit rasendem Herzen und dennoch im ersten Moment der Realisierung, wo ich war, zumindest erleichtert, dass dieser zermürbend lebendige Traum nun vorbei war. Beim Blick in den Badezimmerspiegel irritierte mich im Nachhinein ein wenig, dass sich dort, wo ich mit der Stirn auf dem Boden aufgeprallt war, tatsächlich eine Wunde abzeichnete. Ich hätte es wohl auf einen unruhigen Schlaf und eine ungünstig gelegene Bettkante zurückführen können, die mir nicht zum ersten Mal eine Verletzung zugefügt hätte. Was ich mir aber nur schwer erklären konnte war der Umstand, dass die vermeintlich frische Wunde bereits teilweise vernarbt war.

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