Monster

„Bist du jetzt zufrieden?“, fragte Tom genervt, setzte sich auf den Fahrersitz und knallte die Tür hinter sich zu. Heike seufzte.

„Ja, bin ich tatsächlich“, erwiderte sie und schnallte sich an. „Ich habe dir meine Eltern schon nach zwei Wochen vorgestellt, da ist es doch wohl das Mindeste, dass ich deine Mutter noch vor unserer Hochzeit kennenlerne.“

„Wenn es nach mir ginge, hättest du sie niemals kennenlernen müssen“, schnaubte Tom und startete den Motor.

„Es war doch jetzt nicht so schlimm“, sagte Heike und warf über den Rückspiegel einen letzten Blick auf die Fenster des Pflegeheims.

„Diese Frau ist ein Monster! Sie hat mein Leben ruiniert“, begann Tom aufgebracht und brachte beim Anfahren die Reifen zum quietschen. „Sie hat mich als Kind geprügelt und als ich zu stark wurde, hat sie mich psychisch fertig gemacht. Sie hat meinen Bruder gegen mich aufgebracht und meine Freundinnen belästigt. Sie hat meinen Vater in den verdammten Selbstmord getrieben! Nur um sich am Ende…“

Tom ließ den Motor aufheulen und jagte beim Auffahren auf die Straße die Gänge hoch.

„Am Ende hat sie sich selbst die Zunge abgeschnitten, um auch noch Mitleid zu bekommen. Klingt das wirklich nach jemandem, den wir in unserem Leben brauchen?“

„Aber sie sah doch so liebevoll aus…“, sagte Heike und rief sich die Frau ins Gedächtnis, die sie eben besucht hatten, ihre verträumten Augen und die faltigen Wangen. Im Rollstuhl hatte sie gesessen und dabei so hilflos gewirkt, und doch hatte sie Heike angelächelt, so herzlich und warm, wie es nur besorgte Eltern können.

„Dann bist du wohl nicht der Menschenkenner, für den du dich gerne hältst“, fauchte Tom und drückte unablässig aufs Gaspedal.

„Hier sind nur 100 erlaubt“, sagte Heike. Tom reagierte nicht. Heike verkrampfte ihre Hände und strich sich über ihren Oberschenkel, wobei sie eine kleine Ausbeulung ihrer Hosentasche bemerkte. Sie zog ein kleines Stück Papier hervor.

„Was ist das?“, fragte Tom.

„Ein Zettel. Den hat mir deine Mutter noch in die Hand gedrückt.“

„Steht da was drauf? Lies mal vor“, sagte er und starrte gespannt auf seine Beifahrerin, während die Bäume hinter den Seitenfenstern zu einer einheitlichen grünen Wand verschwammen.

Heike behielt den Zettel verdeckt in der Mulde ihrer Handfläche und las in einer krakeligen, unsicheren Handschrift nur zwei Worte: Er lügt

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