Walpurgisnacht

Bis auf die Grundmauern ausgeschlachtet lag das vor Jahrzehnten verlassene Lephain im Licht des abnehmenden Mondes. Im kollektiven Bewusstsein der umliegenden Gemeinden waren die Ruinen nur noch für ihren Reichtum an witterungsgezeichneten Backsteinen bekannt, die sich dekorativ um antike Fensterrahmen mauern ließen, um in heimischen Garten die mystische Aura vergangener Zeiten zu weben. Die schrecklichen Ereignisse, von denen die Trümmer zeugten, interessierten dabei die Wenigsten. Einzig die Kapelle am kopfsteingepflasterten Dorfplatz war durch einen Rest spirituellen Feingefühls von den Händen trendfolgender Hobbygärtner verschont geblieben.

Zu einem Grenzstein verkommen, ragte die Spitze ihres Turms nur knapp über die toten Bäume des umliegenden Fichtenwaldes am Fuße des sagenumwitterten Brockens. Viele ihrer Ziegel wiesen deutliche Risse auf und die einst prachtvollen Mosaikfenster des Kirchenbaus waren fast gänzlich zerschlagen. Zeit und Fäulnis hatten die hölzernen Bankreihen zum Großteil durchfressen.

Neben dem Altar, dessen einzige Verzierungen die einfallenden Schatten aus den hohen Fenstern darstellten, welche die Umrisse gotischen Maßwerks auf den kalten Stein zeichneten, hatte sich inmitten des um sich greifenden Verfalls eine Gruppe Jugendlicher mit Decken, Campingstühlen und warmen Getränken ein düsteres Refugium geschaffen. Im Schein flackernder Teelichter versuchten sie, dem entseelten Ort an diesem Abend des 30. Aprils mit phantastischen Geschichten neues Leben einzuhauchen. Sie mussten allerdings feststellen, dass ihre Fantasie ein ähnliches Schicksal ereilt hatte wie das Dorf, das, in seinen Umrissen noch vorhanden, nach Generationen der Vernachlässigung seinen Geist gänzlich verloren hatte. Die unheimlichen Erzählungen verpufften in Albernheiten und hallendem Gelächter.

„Passt auf, ich hab da noch was“, sagte eines der Mädchen und zog ein mit brüchigem Leder überzogenes Buch aus ihrem Rucksack.

„Sag bloß, du liest uns jetzt aus dem verbotenen Necronomicon vor?“, witzelte einer der Jungen mit pathetisch verstellter Stimme.

„Schlimmer“, sagte das Mädchen und schlug das Buch auf. „Das ist das Tagebuch von meinem Nazi-Opa. Der war in irgendwelchen Sekten unterwegs. Und jetzt passt auf: Es gibt einen Beitrag von vor knapp 70 Jahren, in dem er über diese Kapelle schreibt!“

„Zufall? Ich denke nicht!“, sagte eines der anderen Mädchen lächelnd. „Hast du uns deshalb hier rausgeschleppt?“

„Vielleicht“, sagte das Mädchen mit dem Buch, konnte ein Schmunzeln nicht unterdrücken und begann, laut vorzulesen.

*

30. April 1949

Es ist ein merkwürdiges Gefühl, ein derartig zerstörtes Dorf zu sehen und zu glauben, dass es schon vor dem Krieg so ausgesehen hat. Unglaublich, wie man die beharrliche Kraft der Zeit vergessen kann, wo sie doch schonungsloser richtet als alle Kriegsmaschinerie.

Friedrich hatte wieder einmal die Lösung aller unserer Probleme gefunden. Es würde den Alliierten den Rest geben und sie endgültig vertreiben, behauptete er wie schon so oft. Zu gerne hätte ich meine Zweifel geäußert. Zu groß waren jedoch meine Hoffnungen, dass er dieses Mal Recht haben könnte. Und Georg war sowieso wieder Feuer und Flamme für alles, was Friedrich behauptete. Er habe Tage damit verbracht herauszufinden, wie man die alten Runen ausspricht, behauptete Friedrich.

Es war kurz vor Mitternacht, als wir inmitten des dicht bewachsenen Fichtenwalds das zerfallene Lephain erreichten. Friedrich wollte das Ritual in der Kapelle vollziehen. Ich zögerte. Ob wir diesen heiligen Ort nicht ruhen lassen sollten, fragte ich. Doch Friedrich war das egal und Georg tat sowieso alles, was Friedrich sagte.

Wir platzierten dutzende Kerzen um den Altar – in der Kirche waren genug gusseiserne Kerzenständer – und Georg begann, mit Kreide ein Zeichen auf den Boden zu malen.

Was er da vorhabe, fragte Friedrich. Das Siegel, das den Teufel bändigt, Sthror’lyret, erwiderte Georg, offensichtlich erstaunt über die Frage. Um uns zu schützen, schob er unsicher nach.

Kein irdischer Zauber könnte bändigen, was wir heute Nacht heraufbeschwören wollen, sagte Friedrich, dem Teufel würden sich dabei die drei goldenen Haare hochstellen. Die Verwirrung in Georgs Blick werde ich wohl niemals vergessen. Ob es etwas anderes gebe, womit wir uns schützen könnten, wollte er wissen. Wir könnten auf Barmherzigkeit hoffen, lachte Friedrich. Georg hielt inne, beendete dann aber seine Zeichnung. Man könne ja nie wissen, sagte er.

Ob wir noch etwas vorbereiten müssten, fragte ich. Friedrich verneinte. Kein Blut in Kelchen oder Knochen in Säcken aus Schlangenhaut? fragte ich scherzhaft. Nein, behauptete Friedrich, die Laute habe er aufgeschrieben und sie müssten nur in der Walpurgisnacht vorgelesen werden, mehr brauche es nicht. Er zog ein Blatt Papier aus der Manteltasche und reichte es Georg. Wieso er es nicht selbst mache, wollte dieser Wissen. Überrascht von den Widerworten, zögerte Friedrich kurz, sagte daraufhin jedoch, er habe schließlich bisher die meiste Arbeit gehabt.

Georg griff nach dem Papier und ich konnte deutlich sehen, wie er zitterte, als er die geschriebene Zeile erfasste. Seine Lippen bewegten sich, ohne dass ein Ton herauskam, und sein Blick wurde mit einem Male krankhaft glasig. Energisch forderte Friedrich ihn auf, es laut vorzulesen. Es seien schließlich nur drei Worte, das würde er auch hinkriegen, stachelte er den armen Georg an. Schließlich begann er, die Worte bedächtig auszusprechen. Das erste war verklungen und ich spürte, wie ein eiskalter Wind durch die Halle zog und zwischen den Ritzen der Mauern ein Konzert wie aus hunderten sachte geblasener Pfeifen anstimmte. Als das zweite schwerfällig über seine Lippen gekrochen war, begannen die Flammen der Kerzen unnatürlich zu flackern, als würden sie von Georgs Worten angezogen. Als er zum dritten und letzten ansetzte meinte ich, einen blauen Schimmer in den Flammen erkennen zu können.

Dann, völlig unvermittelt, riss Friedrich das Papier wieder an sich. Der Wind schwoll schlagartig ab und die Flammen bewegten sich wieder ihrer Natur entsprechend. Was das jetzt solle, fragte ich, während Georg heftig zu schnaufen begann. Das sei nur Mumpitz, alles Unsinn, behauptete Friedrich. Er bemerkte, wie ich das Papier in seiner Hand aufmerksam anschaute, knüllte es rasch zusammen und stopfte es zurück in seine Manteltasche. Ob er kalte Füße bekommen habe, fragte ich ihn, und seine diffusen Ausflüchte waren eine klare Antwort. Es hätte funktioniert! Beim machtlosen Gott, es hätte funktioniert! Wir waren so kurz davor und Friedrich hatte es vermasselt. Doch ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, ich hätte nicht Ähnliches im Sinn gehabt, hatte doch im gleichen Moment auch mein Arm gezuckt.

Friedrich würde die Formel und alle Aufzeichnungen zerstören, behauptete er. Dieser Idiot! Warum den Schlüssel suchen, wenn man die Tür nicht öffnen will? Aber es ist zu spät. Ich habe die Formel gesehen. Wie in meine Netzhaut eingebrannt kann ich sie vor mir sehen und mir wird übel, wenn ich nur an sie denke. Was sie wohl erst anrichten wird, wenn man sie laut ausspricht? Irgendwann werde ich es wagen. Mein Ass im Ärmel der Zwangsjacke. Irgendwann, wenn alles andere versagt, mit dem Rücken zur Wand, werde ich sie nutzen, die Formel, die drei Worte:

Owlmy’Hrith Ha-az’Thurith Pallidus

*

Am Morgen des 1. Mais tanzten die toten Fichtenwipfel um die einsame Lephainer Kapelle im abflauenden Wind. Gleißendes Licht erhellte den verfallenen Innenraum des Kirchenbaus und fiel über den Altar hinweg auf ein am Boden liegendes Buch mit verkohltem Ledereinband. Eine dicke Staubschicht saugte pulsierendes Rot aus den Bodenrillen.

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