Maronensuppe

„Das ist echt ganz einfach“, sagte meine Mutter, während sie in der Küche stand und anlässlich des diesjährigen Festes zum Tanz in den Mai das Essen zubereitete und ihr jüngst entdecktes Maronensuppenrezept präsentierte. „Man beginnt damit, die Butter zu erhitzen“, begann sie ihre ritualartig einstudierten Handlungen zu kommentieren, „schwitzt ein paar Zwiebeln darin glasig, und packt dann einfach die gehackten Maronen hinein und man ist quasi fertig. Nur mit dem Fond auffüllen, dann noch Sahne. Und noch etwas Milch. Kurz köcheln lassen, noch etwas Salz und Zucker, dann nur noch Zimt, und schon können die gemahlenen Ziegenhufe hinein. Etwas Froschschenkel hinterher und wir sind fast fertig. Bloß noch ein Teelöffel Jungfrauentränen, etwas Blut einer sieben Jahre alten Klapperschlange, und wenn wir dann die Essenz von drei gepressten Atlasfaltern, die sieben Tage lang mit Zuckerwasser aus Peru gefüttert wurden, hinzugeben, mit etwas Nackenhaar eines geweihten Stiers, sind wir eigentlich schon fertig. Noch etwas Mutterboden aus Arkadien, Teufelskraut vom Ufer des Styx und drei Prisen feinster Staub aus dem Schweif des Halleyschen Kometen und zum Schluss noch etwas… verdammt, Heinrich, wo ist die Petersilie?“

„Das stand nicht auf der Einkaufsliste“, hörte ich meinen Vater aus dem Wohnzimmer rufen.

„Bist du dir da sicher?“, rief meine Mutter zurück.

Nach einem kurzen Moment der Stille schwappte es schwächlich aus dem Wohnzimmer zu uns in die Küche: „Oh…“

Und irgendwo am Rande des Universums regte sich der allmächtige Yog-Hurt’Snort nicht und blieb für den Moment unbeschworen. Hätten wir damals gewusst, dass mein Vater dem Untergang der Welt noch etwas Aufschub verschafft hatte, hätte er wohl nicht auf dem Sofa schlafen müssen.

2 Gedanken zu “Maronensuppe

  1. Lieber Adrian,

    bin ich dafür schon zu alt, oder wieso komme ich nicht dahinter, was uns der Verfasser damit sagen will? Vielleicht kannst Du mich ja mal aufklären, wenn Du magst.

    Grüße aus Bremen Friederike

    >

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    1. Es gibt keinen größeren Hintergedanken. Mit dem Rezept wäre einfach fast eine Kreatur aus den tiefen des Universums beschworen, aber der Vater hat vergessen, Petersilie einzukaufen. Kein tieferer Sinn. Nächste vernünftige Kurzgeschichte kommt bald 🙂

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