Kommissar Dörfers letzter Fall

(Polizeidienststelle Hintergroßenwaldau. Kriminalhauptkommissar Dörfer sitzt in seinem Büro am Schreibtisch, den Kopf auf der Tischplatte aufgelegt, eine Sonnenbrille verdeckt seine von Alter und Stress gezeichneten Augen. Kommissarin Brewer betritt den Raum)

Brewer:         Kommissar Dörfer?

Dörfer:          (schreckt vom Schreibtisch auf) Ja, bitte? Ich bin wach.

Brewer:         Ihr Typ wird verlangt.

Dörfer:          (reibt sich die Schläfen) Kann das ein paar Minuten warten?

Brewer:         Es gibt eine Leiche an der Tölzer Straße.

Dörfer:          Schon wieder? Weiß man, wer das Opfer ist?

Brewer:         Nina.

Dörfer:          Nina und?

Brewer:         Nichts und. Nur Nina. Sie ist…

Dörfer:          Eine Waise?

Brewer:         Eine Katze.

Dörfer:          Eine Katze.

Brewer:         Ja.

Dörfer:          Gibt es keine dringenderen Fälle mehr in dieser Stadt?

Brewer:         Nun ja, nein. Ehrlich gesagt passiert immer weniger, bedenkt man mal die Statistik.

Dörfer:          Die Statistik?

Brewer:         Ist ihnen nie aufgefallen, dass wir quasi wöchentlich einen Mordfall zu lösen hatten, und das über Jahre?

Dörfer:          Und?

Brewer:         Wir sind kein Rosenheim. Es sind einfach keine Leute mehr übrig. Wer nicht ermordet oder verhaftet wurde ist weggezogen, weil bei den Nachbarn mal die Polizei an der Tür geklingelt hat. Wer will mit solchen Nachbarn schon leben?

Dörfer:          Sie übertreiben.

Brewer:         Nicht meine Worte.

Dörfer:          Und deshalb kümmern wir uns jetzt um tote Katzen.

Brewer:         Es war die Katze des Bürgermeisters.

Dörfer:          Oh.

Brewer:         Hier, sehen Sie. (legt dem Kommissar ein paar Bilder auf den Schreibtisch) Die Katze wurde überfahren am Straßenrand gefunden. Scheint ein Unfall gewesen zu sein, aber der Bürgermeister will, dass wir es uns trotzdem einmal anschauen.

Dörfer:          Das war kaltblütiger Mord.

Brewer:         (überrascht) Wie kommen Sie darauf?

Dörfer:          (setzt die Sonnenbrille ab und deutet auf eines der Bilder) Sehen Sie sich die Spuren an.

Brewer:         Was ist mit ihnen?

Dörfer:          Sie machen einen Schlenker über den Rand hinaus. Der Zusammenstoß ist gezielt passiert.

Brewer:         Vielleicht war der Fahrer betrunken.

Dörfer:          Oho, ganz sicher war er betrunken. Kein nüchterner Mensch würde ein solches Manöver auf so einer Straße vollziehen, nur um eine Katze zu töten. Er muss mit guten 100 Stundenkilometern unterwegs gewesen sein.

Brewer:         Klingt für mich immer noch nach Unfall.

Dörfer:          Aber nun sehen Sie hier. Der Wagen hat gehalten und ist noch einmal rückwärts drüber. Mehrmals hin und her. Der Täter wollte ganz sicher gehen, dem Tier alle neun Leben auszutreiben.

Brewer:         Klingt einleuchtend, bedenkt man den Zustand der Leiche.

Dörfer:          Die Katze hat zudem eine auffällige Färbung. Im Dämmerlicht ist sie schon von weitem erkennbar.

Brewer:         Sie gehen davon aus, dass es gestern Abend passiert ist?

Dörfer:          Oder heute Morgen. Ziemlich sicher sogar heute Morgen. Der Mörder hatte die ganze Nacht Zeit, sich zu betrinken und seinen Groll aufzubauen.

Brewer:         Das wird nun aber ein wenig spekulativ, finden Sie nicht?

Dörfer:          Nennen Sie es Spekulation oder gerne auch Instinkt, diese Katze hatte viele Feinde und ein Mord war nur eine Frage der Zeit.

Brewer:         Feinde? Eine Katze?

Dörfer:          Aus der Südstadt häufen sich die Beschwerden über eine Katze, die in die Kleingärten scheißt.

Brewer:         Aber ist das Grund genug, einen Mord zu – entschuldigen Sie, eine Katze zu überfahren?

Dörfer:          Wenn mich die letzten Jahre eines gelehrt haben, dann ist es, dass Menschen zu allem fähig sind. Groll und Alkohol sind eine fiese Mischung. (steht auf, lässt seinen Blick der flachen Hand folgend über die Bilder gleiten) Es passt alles zusammen. Die Tölzer Straße liegt genau zwischen der Südstadt und dem Wirtshaus vom alten Ganslhuber. Nur der hat noch bis in die Morgenstunden offen. Der Zorn des Täters hat sich den ganzen Abend aufgebaut, während er den Bürgermeister einen Tisch weiter beobachtete, der dort wie jeden Dienstag Abend seinen Kloß mit Soß und ein paar anschließende Weizen genoss. Es war womöglich nicht geplant, dass der Abend so endet, aber die Möglichkeit wurde vermutlich bereits in Betracht gezogen.

Brewer:         Sind Sie nicht ein wenig überdramatisch?

Dörfer:          (beginnt, im Büro auf und ab zu schreiten, die Arme hinter dem Rücken verschränkt) Dann nutzte er die Möglichkeit, als sie sich ihm bot. Betrunken und wütend, genervt von dem Bürgermeister, wie er seinen Abend verbrachte, als würde er nicht genau wissen, was sein Teufel von einer Hauskatze dort draußen treibt. Und dann, zack! Ein Schwenker nach rechts, Rückwärtsgang eingelegt, und immer wieder drüber. Knack. Knack. Knirsch. Matsch. Problem gelöst.

Brewer:         Und das leiten Sie alles von den Fotos ab? Sind Sie sich da sicher?

Dörfer:          (stellt sich ans Fenster, setzt seine Sonnenbrille wieder auf und schaut nachdenklich in die Ferne) Was ist schon noch sicher dieser Tage?

(Ein langer Moment der Stille)

Brewer:         Und was soll ich dem Bürgermeister jetzt sagen?

Dörfer:         Ich werde ihm umgehend eine Mail mit einer Entschuldigung schreiben. Seien Sie so nett und fahren Sie meinen Dienstwagen in die Waschstraße. (setzt sich an seinen Schreibtisch) Das Ding sieht aus wie… Sie werden es selbst sehen.

Brewer:         Der Betreiber der Waschstraße wurde vor zwei Monaten ermordet.

Dörfer:          Natürlich wurde er das.

Brewer:         Sie erinnern sich, die Sache mit dem…

Dörfer:          Ich weiß schon, ich weiß.

Brewer:         In der Waschstraße würde ich mein Auto nicht mehr waschen wollen.

Dörfer:          Bitte (hält sich die Hand vor den Mund und würgt dezent) erinnern Sie mich nicht daran. (reibt sich die Stirn) Ich denke, ich werde eine längere Auszeit nehmen.

(Stille)

Brewer:         Ich werde dann mal…

Dörfer:          Bitte.

(Kommissarin geht ab)

Dörfer:          (blickt zum Fenster raus) Wir sehen uns in der Hölle, Nina.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s