Abgesang

In 98% der Fälle würde die Krankheit mild verlaufen, das wurde immer wieder betont. Warum wir deshalb in Quarantäne mussten, wollte mir zunächst nicht einleuchten. Zum Schutz der Alten und Vorerkrankten, hieß es von staatlicher Seite, und ich gab mich damit zufrieden.

Es war im Grunde genommen auch kein großer Umstand für mich. Die völlige Ausgangssperre, die über die ganze Stadt auf unbestimmte Zeit verhängt wurde, mochte für die meisten eine gewaltige Umstellung darstellen. Ich war es allerdings gewohnt, lange Zeit in meinem geräumigen Zwei-Zimmer-Apartment im dritten Stock meines Wohnblocks zu bleiben. Ich arbeitete von zu Hause, meine Freunde waren größtenteils noch die alten aus Schultagen und sowieso nur online regelmäßig erreichbar. Seit meiner letzten Beziehung waren bereits mehrere Monate vergangen. Einkäufe erledigte ich generell so, dass ich im Krisenfall das Gebäude nicht verlassen müsste. Aber wer hätte jemals ahnen können, dass es zu so einem Fall kommen würde?

Für mich war es also nichts Neues, meine Abende alleine auf dem Balkon zu verbringen und nebenbei zu lesen, einen Film zu schauen oder einfach nur die umliegenden Gebäude zu beobachten. Nur selten hatte ich dabei jemanden zu sehen bekommen, viele Rollläden waren ganztags verschlossen geblieben, auf den Balkonen waren, wenn überhaupt, nur leicht zu pflegende Zierpflanzen zu finden. Einzig in der Tiefgarage, die sich die meisten der Gebäude um mich herum teilten, war ich hin und wieder auf meine Nachbarn gestoßen, während sie zu ihren Autos gestürmt waren.

All das änderte sich, als das Ausgehverbot in Kraft trat. Plötzlich schauten sie alle aus ihren Fenstern, kamen auf die Balkone, setzten sich in ihre sonnenverbleichten Rattan-Möbel und stellten fest, dass im dichtbesiedelten Großstadtdschungel die Nähe zum Nachbarn nicht immer etwas Schlechtes sein musste.

„Hey, hättest du vielleicht eine Rolle Toilettenpapier?“, war der erste Satz, den mein direkter Nachbar über die Balustrade hinweg zu mir gesprochen hatte. „Diese Geier haben alles leergekauft, bevor die Läden dicht gemacht haben.“

Mithilfe eines Besenstiels reichte ich ihm zwei Rollen herüber und wir kamen in ein Gespräch, das den ganzen Abend andauern sollte. Er hieß Martin und war Automechaniker. Von Zuhause arbeiten kam entsprechend nicht in Frage, worüber er jedoch nicht sehr enttäuscht schien.

„Geld hab ich vorerst genug. Zeit hat mir immer gefehlt. Wobei ich die Zeit gerne mit meinen Kindern verbringen würde“, behauptete er. Ich schlug ihm vor, sich über Video-Telefonie bei ihnen zu melden.

„Die sind noch zu jung, da müsste ich wahrscheinlich auch die ganze Zeit meine Ex-Frau anschauen, nein danke“, erwiderte er und lachte.

Während wir sprachen, begann im Gebäude gegenüber eine Frau zu singen. Die Fenster waren sperrangelweit offen, doch machte es nicht den Eindruck, als habe sie geplant, die ganze Nachbarschaft damit zu erfreuen. Auf dem Balkon daneben begann ein Mann mittleren Alters kurzerhand, den Gesang mit einem alten Kontrabass zu erwidern. Der Gesang kam für einen Augenblick ins Stocken. Als die Frau sich jedoch aus dem Fenster lehnte und den Mann sah, wie er vergnügt in die Saiten haute, stimmte sie wieder mit ein. Dem Beispiel der beiden folgten bald eine Pianistin unter ihnen, eine Gruppe aus Trompetern und Saxofonisten ein paar Fenster links von mir und eine ältere Dame in einer Erdgeschosswohnung, die fröhlich, aber manchmal den Takt verpassend mit einem Tamburin gegen die Hauswand schlug. Über einige Tage hinweg spielte sich diese Gruppe immer weiter ein und keiner der Balkone blieb mehr leer. Wer kein Instrument spielte, sang so gut es ging mit. Schon früh am Vormittag hallten angeregte Gespräche über die Geländer und Fensterbänke hinweg die Straße entlang. Mit Essen und Trinken gefüllte Körbe wurden an Seilen hoch und runter gezogen, Papierflieger kreisten umher und Sektkorken wurden unter allgemeinem Gelächter in naheliegende Fenster geschossen. Schließlich begann jeden Abend um sechs Uhr die Musik und zog sich mit kleinen, plauderfreudigen Pausen bis spät in die Nacht, wobei stets der seichte Klang einer einsamen Flöte den Abgesang darstellte. Es hätte nicht viel gefehlt und es wäre mir entgangen, wie Helikopter begannen, ihre Runden hoch oben im städtischen Nachthimmel zu drehen.

Es war gerade eine Woche vergangen, da fehlte dem abendlichen Konzert das tollpatschige Tamburin. Es fiel mir erst spät auf, dass an diesem Tag der eingespielte Ablauf nicht durch das Gerassel der älteren Dame begleitet wurde. Als ich es dann merkte, nahm es dem Ganzen zugegeben etwas von seiner verspielten Unbeschwertheit. Ich dachte mir jedoch nicht viel dabei. Als am nächsten Tag auch der taktgebende Kontrabass ausblieb, begann ich mir Sorgen zu machen. Die Wohnung des Mannes schien wie ausgestorben, es brannte kein Licht und nichts rührte sich. Nur einmal noch meinte ich in einem flüchtigen Moment, eine schemenhafte Gestalt zwischen den Vorhängen hindurch erkennen zu können.

„Der hat vielleicht einfach wunde Finger“, scherzte Martin, und womöglich hatte er Recht. Nach dem Kontrabass gaben zur folgenden Nacht auch die Trompeten und Saxofone auf, das Piano verstummte wenige Abende später und der Gesang wurde von Tag zu Tag gedämpfter. Einzig das Flötenspiel, dessen Ursprung ich nicht ausmachen konnte, setzte unbeirrt zum Abschluss des Abends ein.

„Na, wenigstens einer hat noch Motivation“, sagte Martin, bevor er ohne ein weiteres Wort in seiner Wohnung verschwand, während ich den in dieser Nacht deutlich vernehmbaren Rotoren der über uns fliegenden Hubschrauber lauschte.

Dann, am nächsten Tag, blieb auch der Gesang endgültig aus. Ich saß lange auf dem Balkon und wartete, ob noch jemand den Versuch unternehmen würde, die Musik anzustimmen. Doch bis zum Einbruch der Dunkelheit blieb es stumm. Ich schaute mich um. So weit ich sehen konnte kam niemand nach draußen und hinter keinem der Fenster brannte Licht. Mit einem flauen Gefühl im Magen setzte ich mich an meinen Rechner. Meine Freunde draußen sollten mal wieder wissen, dass es mir noch gut geht. Zu meinem Bedauern musste ich feststellen, dass die Internetverbindung unterbrochen war. Intuitiv griff ich nach meinem Smartphone und wählte die Nummer meiner Eltern. Kein Empfang. Es war ungewöhnlich, aber ich konnte nicht sagen, seit wann ich keinen Empfang mehr zur Außenwelt hatte. Es konnten Stunden sein oder auch Tage, ich hatte schlichtweg nicht darauf geachtet.

Ein Poltern weckte mich aus meinen Überlegungen und in die Wohnung nebenan war hektische Bewegung eingekehrt. Dann hörte ich vor meiner eigenen Wohnung ein Klirren und zum ersten Mal seit Wochen öffnete ich die Haustür. Vor meiner Fußmatte lag eine zerbrochene Flasche Rotwein, eine rote Lache schwappte über den Boden des Flurs, und mir gegenüber verschwand hinter einer sich schließenden Fahrstuhltür der mit Taschen vollbeladene Martin.

Rasch griff ich nach meinen Schlüsseln, machte einen Satz über den sich weiter ausbreitenden Wein und sprintete die Stufen hinab. Durch das Treppenhaus hallte der schwere Schlag einer zufallenden Feuerschutztür und ich wusste, dass Martin in die Tiefgarage gegangen war. Ich ging ihm nach und fand ihn, wie er hastig seinen Geländewagen mit Koffern und Taschen belud.

„Ich weiß, was du sagen willst“, fing er an, ohne mich dabei anzuschauen oder sich beim Einpacken unterbrechen zu lassen. „Wir sollen zu Hause bleiben. Schon klar. Aber weißt du was? Das ist mir egal. Ich werde verrückt hier. Seit Wochen habe ich meine Kinder nicht gesehen. Die Vorräte werden immer weniger, die Nachrichten sprechen immer nur von Geduld, die wir jetzt aufbringen sollen…“

„Martin…“, wollte ich ihn unterbrechen, aber er redete unbeirrt weiter.

„Und dann dieser Gesang! Hätten die nie damit angefangen, schön und gut. Aber das? Einer nach dem anderen verschwindet. Da ist doch was faul. Die verrecken alle an dem Virus, ich sag es dir. Aber nicht mit mir, ich fahre jetzt zu meiner Familie. Und du wirst mich nicht…“

„Viel Glück“, sagte ich, und Martin verstummte. Regungslos schaute er mich an. Dann legte er sachte die letzte Tasche auf den Beifahrersitz, stieg ein und startete den Motor. Ein letztes Mal schaute er herüber und nickte mir zu.

„Mach’s gut“, sagte er, „Tut mir leid wegen der Weinflasche, die ist mir so rausgerutscht.“

„Das hättest du ja wenigstens noch sauber machen können“, sagte ich, zuckte aber lächelnd mit den Schultern und erwiderte meinerseits: „Mach’s gut“

Martin setzte zurück und fuhr in Richtung Ausfahrt. Mit einem Gefühl der Beklemmung ging ich zurück ins Treppenhaus, stieg in den Aufzug und ließ mich hinaufziehen. Ich hätte ihn fragen können, ob er mich mitnimmt. Weg von hier. Weg von der täglich drückender werdenden Einsamkeit. Weg von…

Der Aufzug öffnete sich. Ich blieb stehen. Meine Wohnungstür war offen. Ich hatte wohl vergessen, sie zu schließen. Mein Blick senkte sich zur Weinlache. Jemand war hindurchgegangen. Es mussten hastige Bewegungen gewesen sein. Lange Striemen zogen sich über meine Türschwelle. Rote Spuren nackter Füße führten in die Wohnung hinein. Und wieder heraus. Den Flur entlang. Die Treppen herunter.

Ein Krachen ließ mich zusammenzucken. Ich hastete zum Fenster des Hausflurs und schaute auf die Straße. Martin war mit seinem Geländewagen gegen eine Laterne geknallt. Dunkler Rauch stieg im fahlen Licht aus der Motorhaube empor. Ich wollte runter laufen, zur Hilfe kommen, blieb aber am Fenster stehen und beobachtete angespannt, wie der Wagen minutenlang beharrlich schwankte, ohne dass irgendjemand daraus ausstieg.

Dann setzte das Flötenspiel ein und für einen Moment blieb der Wagen still stehen. Plötzlich sprang etwas aus einem zerborstenen Fenster. Ich konnte gerade noch eine schwarze Silhouette wahrnehmen, bei der es sich eindeutig um die eines Menschen handeln musste, doch die Bewegungen waren zu schnell, zu animalisch und kraftvoll. Und bevor ich mehr erkennen konnte, war dieses Etwas bereits in der Finsternis verschwunden. Ich rannte zurück in meine Wohnung, verschloss die Tür, ließ den Schlüssel stecken und fuhr sämtliche Rollläden herunter.

In 98% der Fälle würde die Krankheit mild verlaufen, das wurde immer wieder betont. Aber warum sprach niemand davon, was mit dem Rest geschieht?

Ein Gedanke zu “Abgesang

  1. Lieber Adrian,

    Deine Geschichte hat mir sehr gut gefallen! Ich erinnere mich an früher, als ich noch regelmäßig Sience Fiction gelesen habe. Mochte ich sehr! Und auch Deine Geschichte, obwohl ja aus der heutigen Zeit.

    Liebe Grüße bitte auch an Magda!

    Friederike

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