Der letzte Kaffee

Was dort aus der Kaffeekanne lief, wäre für Thomas früher kaum als Kaffee durchgegangen. Er neigte seit jeher dazu, ihn zu stark zu machen. Er war kein Barista, hatte niemals auf die Qualität der Bohnen, die perfekte Röstung oder die passende Brühmethode geachtet. Stark musste sein Getränk sein, mehr nicht. Und wie sehr er dieses starke Getränk jeden Morgen genossen hatte! Ihm war lange nicht bewusst gewesen, wie wichtig es für ihn war, um sich für den Rest des Tages motivieren zu können.

Jetzt, da er für eine voraussichtlich lange Zeit keinen würde trinken können, nagte die Sehnsucht eines Süchtigen immer heftiger an seinem klaren Verstand. Dennoch hatte er sich dazu zwingen können, den Moment des Abschieds von seinem kleinen Laster so weit wie möglich hinauszuzögern. Für seine einzig heil gebliebene Tasse hatte er nun aber kaum mehr als einen schwach gehäuften Teelöffel Kaffeepulver übrig gehabt.

Ab dem ersten Schluck ließ er die dünne Brühe sanft über jede seiner Geschmacksknospen gleiten, presste sie zwischen den Zähnen hindurch und zog sie wieder zurück. Mit jedem Weiteren wiederholte er den immer gleichen, schwächer werdenden Rhythmus, summte dem Takt folgend eine Melodie und formte eigens für den Anlass einen sanften Schwanengesang, der Schluck für Schluck seinem Ausklang entgegenkam. Als er beim Letzten angekommen war, die Augen verschlossen und die Gedanken gänzlich dem schwindenden Aroma gewidmet, hatte er das Kunststück vollbracht und sich voll und ganz in frühere Tage versetzen können, als Tassen noch reichlich vorhanden waren, Kaffee noch stark und es noch nicht passiert war. Für einen Moment hatte er gar vergessen, was es überhaupt war.

Dann öffnete er die Augen.

„Stimmt, da war ja was“, murmelte er beim ernüchternden Blick aus dem Fenster. Er stellte die Tasse ab, trat zur Tür und verschwand daraufhin Richtung Apokalypse.

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