Paranoid

paranoid: (bildungssprachlich) krankhaft misstrauisch

Neben dieser simplen Definition des Wortes kannte Thomas noch unzählige andere. Zu oft hatte er sich von Bekannten anhören müssen, er sei paranoid. Das konnte er nicht auf sich sitzen lassen. Ist es paranoid, in sozialen Netzwerken unter falschem Namen zu verkehren? Ist es denn paranoid, unter einem Pseudonym Bücher zu veröffentlichen? Oder ist es paranoid, ein Diktiergerät für seine Ideen zu verwenden, das den Ton noch auf Kassette aufnimmt, da man nicht will, dass die Ideen in Form von Dateien in irgendeiner dieser Clouds landen, von denen so oft die Rede ist? Nein, da konnte Thomas keiner etwas vormachen. Seine Ideen blieben in seiner Hand – buchstäblich. Wo er auch hinging, sein Diktiergerät war zur Stelle und konnte alle seine Ideen sofort aufnehmen. Zumindest knapp acht Minuten, mehr Platz auf dem Tonband boten die kleinen Kassetten nämlich nicht.

Aber es reichte ihm. Pro Kassette konnte er Ideen sammeln, die ihm Inspiration für circa hundert Normseiten an Text lieferten, wie er einmal grob ausgerechnet hatte. Sein erster vollständiger Roman passte konzeptionell schließlich auf dreieinhalb der retro-charmanten Tonbandträger. Stolz sah er zu, als er diesen in Form eines E-Books auf der Seite eines Onlinehändlers hoch lud. Unter dem Namen Frank Anderhain erschien sein Debutroman Sie kommt, dich zu holen. Er stieß in der Kommentarsektion auf gemischte Kritiken. Einige hielten ihn für schleppend oder gar schrecklich, andere fanden ihn lesbar. Eine Rezension eines anonymen Verfassers allerdings war gleichermaßen knapp wie auch ermutigend:

Wunderschön.

Thomas ließ den Tab mit der Rezension immer mal wieder offen, während er an seinem Zweitrechner ohne Internetanschluss an seinem neuen Roman schrieb. Als dieser nach nur vier Monaten fertig und hochgeladen war, kamen schon weniger Reaktionen und auch weniger Downloads wurden ihm angezeigt. Eine Rezension stach jedoch ins Auge, erneut anonym verfasst:

Wunderschön, wie immer.

Motiviert von diesem Zuspruch, konnte Thomas sich in den folgenden Monaten kaum noch bremsen. Seite um Seite haute er in die Tasten, als stünde er am Fließband. Und mit jedem weiterem Roman, jeder Novelle und jeder Kurzgeschichte bekam er weniger Rückmeldung, aber ein anonymer Verfasser fand sein Werk stets Wunderschön.

Nach dem Upload seines jüngsten Machwerks, einer Kurzgeschichte von gerade einmal drei Seiten, dauerte es nicht einmal zwei Stunden, und die erste Rezension wurde gepostet:

Wunderschön, wie immer, Thomas.

Thomas fuhr den Rechner sofort herunter. Die Person kannte seinen Namen. Er hatte niemals jemandem gesagt, unter welchem Namen er veröffentlichte. Das war unmöglich. Oder doch nicht? Er beschloss, das Schreiben bis auf Weiteres sein zu lassen und vorerst nur Ideen zu sammeln. Er löschte alle Accounts in sozialen Netzwerken, kündigte seinen Internetvertrag und kaufte sich für die Tür seines Apartments einen neuen Riegel mitsamt Vorhängeschloss.

Ein paar Wochen lang hatte er sich beruhigen können, da lockte ihn die  Neugier an einen Rechner in der lokalen Bibliothek. Eine zweite Rezension war erschienen. Das hatte er lange nicht mehr gehabt, mehr als einen Kommentar zu seinen Geschichten. Es war ein Bild mit einem kurzen Text. Auf dem Bild war seine Wohnung zu sehen, in der Mitte war das Fenster seines Schlafzimmers, der Text darunter knapp und verstörend:

Wunderschönes Apartment.

An diesem Tag kehrte Thomas nicht nach Hause zurück. Er meldete es der Polizei, man sagte ihm, sie würden der Sache nachgehen. Dann besorgte er sich ein Zimmer in einem Hotel eine Stadt weiter, kaufte sich abermals ein Riegelschloss und installierte es mit einem hineingeschmuggelten Bohrer und ohne Rücksicht auf mögliche Konsequenzen an der Hotelzimmertür.

In dieser Nacht überschlugen sich die Ideen in seinem Kopf und er befürchtete, dass die Kassetten, die er dabei gehabt hatte, nicht ausreichen würden für all das, was er loswerden wollte. „Es gibt keinen Weg hinein oder hinaus“, sprach er schließlich auf das Band, legte das Diktiergerät auf seinen Nachttisch, machte das Licht aus und fiel in einen unruhigen, von Albträumen geplagten Schlaf. Am nächsten Morgen wollte er direkt nach dem Aufwachen einen seiner nächtlichen Gedanken aufnehmen, als er merkte, dass die acht Minuten auf seiner Kassette aufgebraucht waren. Er beschloss, sie komplett anzuhören und alles Wichtige aufzuschreiben, um das Band überspielen zu können. Konzentriert saß er am Schreibtisch seines Hotelzimmers und lauschte der Aufnahme.

„… Donnergrollen … Nacht und Nebel … leise kriecht sie sich heran … der Gang schien endlos … alles war verschlossen … er flüchtete in den einzigen offenen Raum … warf alle Möbel vor die Tür und verbarrikadierte sich … Es gibt keinen Weg hinein oder hinaus … Du bist so wunderschön, wenn du schläfst. Wie immer …

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