Neues Jahr – Neues Glück

Sandra liebte den Fernen Osten. Chinesisches Essen, koreanische Filme, japanische Kunst – all das und so vieles mehr aus dieser exotischen Welt übte schon früh eine ungewöhnlich starke Anziehungskraft auf sie aus. Der Klang der Sprachen und die vielfältigen Schriftzeichen bewegten etwas in ihr, lange bevor sie in der Lage war, irgendwas davon zu verstehen. Schon in der Grundschule hatte sie sich vorgenommen, irgendwann einmal eine Rundreise durch das ferne Asien zu unternehmen. Mit Sechzehn ließ sie sich ein Leisten-Tattoo in chinesischer Schrift stechen. Den wenigen Auserwählten, die es zu sehen bekamen, erzählte sie stets eine andere Geschichte, was es bedeuten würde. Ihr bisheriger Favorit war die vermeintliche Übersetzung Lebe, Liebe, Lache, was sie wiederum kurz zuvor im Wohnzimmer ihres damaligen Freundes an der Wand gesehen hatte, verziert mit kitschigen Schnörkeln und Schmetterlingen. Die eigentliche Bedeutung rührte von einem eher pragmatischen Gedanken her. Dass sie irgendwann einmal Chinesisch lernen würde, hatte sie sich kaum vorstellen können. Um allerdings nicht völlig hilflos zu sein, sollte sie die Reise in den Osten tatsächlich einmal antreten, kam sie auf die Idee, sich die Zeichen für ihr Lieblingsgericht Kung Pao Hühnerfleisch mit Erdnüssen tätowieren zu lassen. Eine Entscheidung, die sie nie auch nur im Entferntesten bereut hatte.

Mit Neunzehn begann sie schließlich ihr Studium der Sinologie, lernte nebenbei Grundkenntnisse im Japanischen und Koreanischen und hat zumindest die ersten drei Sitzungen in einem Vietnamesisch-Kurs gesessen.

In den drei Jahren ihres Studiums fand sie indes viele Freunde, die ihre Begeisterung teilten. Die Studentenzahl dieses Studiengangs war überschaubar und üblicherweise kannte man sich untereinander. So trafen sich einmal im Jahr alle von ihnen und feierten gemeinsam das chinesische Neujahr. Glücklicherweise wussten sämtliche Dozenten davon und ließen die Seminare am Folgetag meistens ausfallen, um selbst an dem Fest teilnehmen zu können. Dieses Jahr war das vorerst letzte Mal, dass Sandra diesem Ereignis beiwohnen würde, da sie sich nur wenige Wochen danach ihren Traum erfüllen und für mindestens ein Jahr nach China reisen würde. Zumindest war das der Plan gewesen.

Um jedem noch ein paar nette Worte zu schenken, hatte sie sich in diesem Jahr bereit erklärt, eine Schüssel Glückskekse vorzubereiten.

„Die kommen aber ursprünglich nicht aus China, weißt du?“, kam prompt ein Kommentar eines Erstsemesters, als sie an dem Abend den festlich dekorierten Seminarraum betrat. Sofort huschte ein Kommilitone zwischen die beiden, zuckte eine altmodische Sofortbildkamera und schoss von einem grellen Lichtblitz begleitet ein Foto vom Besserwissenden. Das fertige Bild beschriftete er mit dem aktuellen Datum und pinnte es neben viele weitere an eine alte Korkpinnwand, an deren oberem Rand die Worte „Übrigens, Glückskekse kommen ursprünglich nicht aus China“ prangten. Alle Anwesenden fingen an zu applaudieren und der Erstsemester wirkte zunächst eingeschüchtert, konnte aber nach kurzer Zeit selbst darüber lachen.

Als die Feier schon eine Weile im Gange war, kam noch ein weiterer Mann in den Raum, den Sandra an diesem Abend noch nicht gesehen hatte. Er war groß und hager. Seine Klamotten sahen so aus, als seien sie bereits ein paar Mal zu oft gewaschen worden. Auf seine mittellangen schwarzen Haare traf dies wiederum weniger zu. Es war dieser Eine, den alle vom Sehen her kannten, jedoch nie ein Wort mit ihm gesprochen hatten. Er wirkte auch heute nicht so, als wolle er daran etwas ändern. Wortlos nahm er sich eine Flasche Bier aus einem fast leeren Kasten und setzte sich allein in eine Ecke. Sandra stand in diesem Moment mit einer kleinen Tasse Sake vor der Pinnwand und betrachtete die Bilder aus den letzten Jahren. Mit Erstaunen stellte sie fest, dass auf einem der Bilder vom Neujahrsfest vor dreizehn Jahren eben dieser Mann zu sehen war. Zwar deutlich jünger, aber mit dem gleichen Ausdruck der Teilnahmslosigkeit, den er auch heute aufgesetzt hatte. Ein bisschen tat er Sandra leid. Sie kannte das Gefühl, irgendwie immer im Abseits zu stehen, und bei der Vorstellung, über so viele Jahre von dieser Rolle einfach keinen Abstand nehmen zu können, verkrampfte es sich in ihrer Magengegend.

Sie schaute zur Schüssel mit den Glückskeksen. Sie war leer. Ohne lange darüber nachzudenken griff sie nach ihrem Rucksack und holte noch einen Keks hervor, den sie sich eigentlich für später hatte aufheben wollen, und reichte ihn dem Mann in der Ecke. Er blickte sie mit argwöhnischer Neugier an.

„Nimm! Jeder hat einen bekommen“, sagte Sandra vergnügt. Der Argwohn wich einem schiefen Lächeln, der Mann nahm das kleine Geschenk an, brach es entzwei und las den kleinen Zettel im Inneren.

„Darf ich sehen?“, fragte Sandra, doch der Mann drehte sich zur Seite und hielt die Hand vor den Zettel.

„Nein, das bringt Unglück“, sagte er und zeigte dabei ein Lächeln von dem Sandra sicher war, dass er es noch nicht oft hatte üben können. Trotzdem oder vielleicht gerade deshalb hatte es etwas Ehrliches an sich.

„Ok“, erwiderte Sandra, zuckte mit den Schultern und wandte sich zögernd zum Gehen.

„Danke, Sandra“, sagte der Mann, und Sandra fragte sich, ob sie seinen Namen kennen müsste oder ob es komisch war, dass er ihren kannte. Aus einiger Entfernung schaute sie noch hin und wieder zu ihm herüber, während sie sich mit ihren Freunden unterhielt, und beobachtete, wie er sich den Zettel mit Tesafilm in einen Taschenkalender klebte und diesen den restlichen Abend über offen vor sich hielt.

Um sich auf ihre letzte Prüfungsphase vorzubereiten, verbrachte Sandra die folgenden Tage viel Zeit in der Bibliothek. Es war der Teilbereich für Geographie, der zwar weit ab von den übrigen Gebäuden der Universität lag, von ihrer Wohnung aus aber deutlich günstiger gelegen und immer angenehm wenig besucht war. Leute aus ihrem Studiengang traf sie hier üblicherweise nicht, was ihr vor den Prüfungen allerdings gerade recht war. Umso überraschter war sie, als sie den Mann von der Neujahrsparty dort traf.

„Hey“, sagte sie, als er auf sie zukam. Eigentlich wäre sie gerne an ihm vorbeigelaufen, hatte aber unwillkürlich ihren Gang verlangsamt, woraufhin der Mann stehenblieb und sie erwartungsvoll anschaute.

„Entschuldigung, ich hatte neulich gar nicht nach deinem Namen gefragt“, sagte sie, bevor die Situation unangenehm wirken konnte. Er trug eine deutlich zu große Strickjacke, ansonsten musste Sandra feststellen, dass er auffällig gepflegter als bei ihrer letzten Begegnung wirkte.

„Ich hab was für dich“, sagte der Mann, als hätte er Sandra nicht gehört, griff in die Jackentasche und holte eine kleine durchsichtige Tüte mit einer roten Schleife hervor, in der ein unförmiger, aber dennoch als solcher erkennbarer Glückskeks verpackt war.

„Selbstgemacht“, sagte er, drückte der verdutzten Sandra das Tütchen in die Hand und ging davon. Nachdem sie eine Weile bewegungslos stehengeblieben war, entpackte sie den Keks und brach ihn auf. Auf dem Zettel im Inneren fand sie eine Handynummer.

Sandra wägte lange ab, ob sie ihm schreiben sollte. Er war ihr ein wenig unheimlich, auf der anderen Seite hatte sie das Gefühl, dass er den Umgang mit anderen Menschen schlichtweg nicht gewöhnt war. Sie beschloss also, ihn mit etwas Unverfänglichem anzuschreiben.

Zu Sandras Überraschung entwickelte sich daraus eine lange und intensive Konversation. Darius erzählte viel von vergangenen Auslandssemestern in China, seinem Studium und seinen Interessen, die sich mit Sandras zum großen Teil deckten. Das war in ihrem Studiengang soweit nichts Ungewöhnliches und zunächst auch interessant, mit der Zeit wurde es Sandra jedoch unbehaglich. Ihre Antworten wurden zunehmend kürzer oder blieben gelegentlich ganz aus. Im Gegensatz dazu wurde Darius immer aufdringlicher und seine Nachrichten unangenehm intim. Als er sie schließlich zum Chinesen und ausgerechnet auf Hühnchen mit Erdnüssen einlud, fasste sie den Entschluss, die Reißleine zu ziehen und ihm eine letzte Nachricht zu schicken.

Sie war der Meinung, damit wäre die Sache geklärt. Nur Sekunden späte kam eine Antwort.

Sandra reagierte nicht mehr darauf. Für sie war das Thema vorbei und sie konzentrierte sich voll und ganz auf ihre Vorbereitungen für ihre Chinareise. Nachdem Darius ihr trotz allem fast jeden Abend Nachrichten schickte, blockierte sie ihn, ohne noch eine von diesen zu lesen.

Am Tag vor ihrer Abreise hatte sie noch viele Besorgungen erledigt und kam erst spät in ihre Wohngemeinschaft zurück. Sie würde den Abend dort alleine verbringen, da ihre Mitbewohner am gleichen Tag alle in die Semesterferien zu ihren Eltern verschwunden waren. In Anbetracht dessen, dass sie wahrscheinlich den ganzen Abend mit Packen beschäftigt sein würde, war sie darüber auch eher erleichtert. Beim Betreten der Wohnung musste sie jedoch genervt feststellen, dass die Türklinke von innen herausgefallen und nicht wieder angebracht worden war. Das, dachte sie, wäre aber in ein paar Stunden sowieso nicht mehr ihr Problem. Sie legte Handy und Schlüssel auf einen kleinen Tisch neben der Tür, warf ihre Tasche in ihr Zimmer und ging in die Küche. Zumindest hatten sie die Küche aufgeräumt, dachte sie und griff ohne nachzudenken nach dem einzigen, was auf dem Küchentisch lag. Es machte ein knackendes Geräusch, als sie es in die Hand nahm, und Sandra begriff beim genauen Betrachten, dass es sich um einen selbsgemachten Glückskeks handeln musste, wie sie ihn von Darius bekommen hatte. Ein Gefühl schoß ihr durch den Körper, als würden sich ihre Innereien verdrehen. Sofort hastete sie in den Flur zurück und wollte ihr Handy holen. Einfach mit irgendjemandem sprechen. Sie blieb vor dem kleinen Tisch stehen. Ihr Handy war weg. Ebenso ihr Schlüssel. Die Haustür konnte sie ohne diesen von Innen nicht öffnen. Der Keks in ihrer Hand war bis zur Unkenntlichkeit zerdrückt und offenbarte den schmalen, weißen, auf ein ausgerissenes Kalenderblatt vom Tag des chinesischen Neujahrs geklebten Zettel. Sandra las den Spruch: Für die wirklich schönen Dinge im Leben lohnt es sich zu kämpfen!

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