Es ist alles ganz furchtbar (in Prosa)

Es ist ein grauer Nachmittag im November. Die kahlen Baumwipfel der kalten Alleen wiegen sich melancholisch im Wind. Ein einzelnes trockenes Blatt löst sich und schwebt melancholisch zu Boden, wo es von den vorbeikommenden Passanten zertreten wird, so wie sie es auch gegenseitig tun, wenn sie die Gelegenheit bekommen. Nur augenscheinlich nebeneinander streifen sie alle melancholisch durch die Stadt und bilden einen Strom der Betrübtheit, der schließlich mündet im düsteren Meer der Melancholie.

Ich sitze in einem Running-Sushi-Restaurant und sehe durch die Glasscheibe vor mir, wie die kleinen Teller schnell an mir vorbeiziehen. Und ich muss sofort an das Leben denken, denn auch das Leben zieht schnell an einem vorbei.

„Möchten Sie etwas trinken?“, dringt eine Stimme von hinten an mich heran, und Hass flammt in mir auf. Nicht für einen Moment darf man mit seinen Gedanken für sich sein, alles muss schnell gehen, so wie die Sushi-Teller auf dem Laufband vor mir. Ich blicke die Bedienung düster an. Verzweiflung macht sich in ihrem Gesicht breit. Ob aus Furcht oder aus der Erkenntnis der eigenen Unbedeutsamkeit heraus kann ich in diesem Moment nicht sagen.

„Ich komme dann gleich nochmal wieder“, sagt sie und trottet zurück in die Tretmühle des Kapitalismus. Ich blicke auf die Sushi-Teller, wie sie so schnell an mir vorbeiziehen. Und ich muss sofort an die Menschen denken, denn auch die Menschen ziehen so schnell an einem vorbei. Man hält jeden einzelnen für besonders, doch nach einer Weile kommen die immer gleichen Typen an dir vorbei. Und dann sind sie wieder weg, so wie der Sushi-Teller, den der Mann neben mir gerade vom Band genommen hat. Die reinste Fleischbeschau. Und wenn dann der Algensalat nicht ins Schema passt, fährt er so lange einsam seine Runden, bis sie ihn wegschmeißen. Und du kannst dir noch so sehr wünschen, das Sushi zu sein, aber bevor du dich versiehst, bist du der Algensalat. So ist eben das Leben.

„Entschuldigung, wenn Sie nichts zu trinken bestellen und auch nichts essen wollen, muss ich Sie leider bitten zu gehen“, plapperte die Bedienung. Es ist wie immer. Ich passe einfach nicht rein, gehöre nicht zu diesen Möchtegerns, diesem Mainstream-Mob, die nur der Herde folgen wie die Lemminge, kopfüber über die Klippe und hinein in das düstere Meer der Melancholie, einer nach dem anderen, brav in Reih und Glied so wie die Sushi-Teller vor mir. Widerlich.

„Bitte, lassen Sie das, hier sind Kinder anwesend“, nörgelte die Bedienung, aber ich lasse nicht zu, dass die Köpfe dieser Kinder von der Wahrheit abgeschottet bleiben.

„Nicht auch noch auf den Boden!“, quengelte die Bedienung, als ob der Boden, auf dem wir laufen, irgendjemandem gehören könnte. Stehen wir nicht alle auf dem gleichen Boden? Und sind die Abgründe darunter nicht für jeden die gleichen, als stünden wir nicht auf festem Grund, sondern trieben stattdessen auf dem düsteren Meer der Melancholie und schauten gemeinsam dem Schiff, das wir Leben nennen, beim Sinken zu? Das düstere Meer umfasst mich, es ist, als würde ich ertrinken in… schwarzer Melancholie.

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