Die Traumsuche

Es war einmal ein langer Weg, der hastete zielstrebig von Felsen zu Felsen, nahm hier und da kleine Abkürzungen durch Spalten und über Flüsse und umarmte zu einem komplexe Netz verwoben die gesamte Berglandschaft der westlichen Repalken. Schon oft hat er kichernd einsame Bergwanderer hinters Licht geführt, indem er seine Abzweigungen ins Leere laufen ließ. Ein einsamer Wanderer war auch Hannibal Alleweg, doch hatte er ein klares Ziel vor Augen: Er suchte den Rum der versoffenen Piraten am Kap des göttlichen Hofguts.

Vor den zyklopischen Mauern von Sankt Kapstadt wurde er jedoch aufgehalten vom siebenflügeligen Seraphael, Gott der Ernte, Patron der Herdentiere und zweiter Verwalter des irdischen Zuckerhaushalts. Er wies Hannibal an zu stehen und hielt ihm die heilige Zuckerdose entgegen. Hannibal Alleweg, der die korrekte Erwiderung kannte, holte ein Kännchen Pfefferminztee hervor und kippte es in die Zuckerdose.

„Zuckerpunsch!“, riefen beide wie aus einem Munde und schlugen sich gegenseitig auf die Nase. Als der Schmerz abgeklungen war, unterhielten sie sich gemütlich bei einem Schluck Tee.

„Du möchtest also passieren“, sagte Seraphael irgendwann, „dazu musst du mir jedoch die drei Artefakte des Etkafetra bringen: Den Spiegel von Versa, der nur das Antlitz von Vampiren spiegelt. Den dreireihigen Fensterabzieher von Gilletto, das einzige Gerät im Universum, das den Spiegel von Versa reinigen kann. Zuletzt die abgetrennte Klaue des Vampirfledermausdämons Döseday, die als einziges den Fensterabzieher von Gilletto führen kann.“

„Das klingt anstrengend, das mache ich nicht“, sagte Hannibal und ging weg. Der Rückweg war ihm allerdings zu lang, um ihn zu Fuß zu gehen. Er legte sich auf die Lauer und wartete, bis ein Elefant auf seinen breiten Ohrschwingen vorbeiflog. Er packt ihn am Rüssel, schwang diesen um den Hals des Tiers und nutze ihn als Zügel. Der Elefant zeigte eine dicke Haut und beschwerte sich nicht darüber, während seine Herde einen traurigen Abschiedsgesang in die anbrechende Nacht herein trötete und noch lange neben ihnen herflog.

Auf einem Felsenwanderer, dessen ungelenke Stalaktitenbeine ihn bis über die tieffliegenden Herden der Himmelsschafe emporhoben, wollten sie eine ausgedehnte Pause machen.

„Schaut nicht in die Schafsherde, sonst verfallt ihr einem langen Schlaf“, warnte sie der Weise Maulwurf Graberauf, Herr der Himmel über den Repalken und Auge des uralten Felsenwanderers. Dann stellte er seine Regengusskanne beiseite, mit der er gerade noch seinen treuen Begleiter zu voller Größe begossen hatte, den Sturmtiefpudel Schauerfilz, Hütehund der Wolkenblöker. Graberauf war überaus gastfreundlich und bot Hannibal ein Brett in seinem Stein an, auf dem er sich setzen konnte. Der Elefant tobte indes durch die flauschigen Schafswolken unter ihnen. Müde würde er bestimmt nicht werden, er konnte ja nicht zählen.

Lange unterhielten sich Hannibal und Graberauf über das Leben, süßen Senf und die vielen vergangenen Tage seit der Zeit der Maisbällchenmänner von Sonderhain, denn beide schwelgten lieber in Erinnerungen als in Gesprächen über Tagespolitik.

„Es war schön, mit Ihnen zu sprechen“, sagte Graberauf nach langer Zeit und verbeugte sich, „Nehmen Sie das hier als Dank, dass Sie sich hier hochbegeben haben. Ich kann es sowieso nicht gebrauchen, ich bin kein Vampir.“

Graberauf reichte den Spiegel von Versa und überlegte einen Moment.

„Dann brauche ich das hier auch nicht mehr, und ebenso wenig das“, fuhr er fort und reichte den Fensterabzieher von Gilletto und die Klaue Dösedays.

„Darauf würde ich gerne etwas trinken“, ergänzte der Maulwurf und Hannibal hatte sofort eine ruhmreiche Idee. Auf dem Rücken seines Elefanten und über die gnadenlosen Felsendächer des Repalken-Gebirges führte Hannibal Alleweg sie in Richtung Rum.

***

Schweißgebadet wachte Hannibal Barkas aus einem wirren Traum auf. Nur mühselig brachte er die Einzelheiten seiner merkwürdigen Reise noch zusammen. Er glaubte jedoch im Kern zu wissen, was ihm das sagen sollte.

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