Die Seuche

Sie nannten ihn Einsiedler. Der Alte vom Berg. Der wirre Greis. Er hatte viele Namen in unserem kleinen Dorf, aber man wusste stets, wer gemeint war. Ich hingegen, und damit war ich der Einzige, sprach ihn zumeist mit Mein Herr an. Ich hielt es für respektvoll. Er mochte es nicht. Doktor sollte ich ihn nennen.

In einem kleinen Herrenhaus auf einem Hügel, weit abseits der Dorfgrenze, da arbeitete er Tag und Nacht. Vor die Tür ging er so gut wie nie, dafür hatte er mich. Ich erledigte Einkäufe, machte sauber und verscheuchte Hausierer aller Art. Währenddessen blieb er in seinem Arbeitszimmer, dass ich nie betreten durfte. Trotzdem war das Haus für mich eine Art Zuhause. Ein anderes hatte ich auch nicht. Ebenso wenig eine Familie. Meine Treue und Loyalität galten nur meinem Herrn.

Als ich etwa drei Jahre für ihn gearbeitet hatte, erreichten Meldungen das Dorf, dass eine Seuche auf dem Vormarsch sei. Die schreckliche Seuche, die bereits seit Jahrzehnten die umliegenden Länder heimgesucht und tausende Menschenleben gefordert hatte, sollte nun bald auch uns erreichen. Das Dorf wurde geräumt, die Gärten und Felder sich selbst überlassen und die Straßen ein letztes Mal in Fluchtrichtung befahren. Nur mein Herr wollte nicht fliehen, und so tat ich es auch nicht.

„Heureka“, rief er eines Tages und stürmte aus seinem Zimmer.

„Herr, was ist?“, fragte ich, erstaunt ob der ungewöhnlichen Gefühlsregung des Doktors.

„Die Seuche ist besiegt! Ich bringe eine Probe in die Hauptstadt.“ Der Doktor wedelte mit einer kleinen, mit allerlei Gewächs gefüllten Glasglocke vor meinem Gesicht. „Pass du mir auf mein Haus und vor allem auf meine Zucht auf! Gieß einmal am Tag alle Pflanzen mit jeweils einem Kännchen Wasser und rühr sonst nichts an, verstehst du? Nichts!“

„Verstanden…“, sagte ich, und bevor ich weiter nachfragen konnte, war der Doktor zur Tür herausgeeilt.

Ich durfte also endlich in sein Arbeitszimmer. Und was für eines! Schaute man nicht zu Boden, man würde sich inmitten eines Urwalds vermuten. Prachtvolle Pflanzen, manche mit dicken Stämmen und breiten Blättern, andere mit filigranen Armen, die in farbenfrohen Blütengruppen mündeten. Vor allem ein Baum in der Mitte des Raumes fiel ins Auge. Seine Äste reichten bis direkt unter die Gläserne Kuppel, die den Raum krönte, und er trug große, saftige Früchte, die mit nichts vergleichbar waren, was ich jemals gesehen hatte. Ich hielt mich aber an die Anweisungen meines Herrn und rührte nichts an.

Die ersten Tage funktionierte es gut, ich ging in das Zimmer, goss jede Pflanze und ging wieder hinaus.

Dann, am neunten Tag der Abwesenheit meines Herrn, kam es zum ersten Zwischenfall. Ein Vogel, meiner Kenntnis nach eine junge Elster, war in einem unachtsamen Augenblick meinerseits durch die offene Haustür hereingeflattert und versuchte, durch das ebenfalls geöffnete Arbeitszimmer wieder herauszukommen. Dort machte sie es sich auf einem Ast am Baum in der Mitte gemütlich und pickte beharrlich an einer Frucht herum, völlig unbeeindruckt von meinen Versuchen, sie mit den Armen zu verscheuchen. Erst ein Hieb mit dem Besen konnte den gefiederten Störenfried von seinem Schaffen abhalten. Bei dieser Gelegenheit fielen eine Handvoll Früchte zu Boden. Empört krächzend flog die Elster davon.

Am dreizehnten Tag entdeckte ich voller Entsetzen eine Schnecke, die sich schon reichlich am Fruchtfleisch genährt hatte. Nachdem ich diese entsorgt hatte, fielen mir immer mehr ihrer Art ins Auge. Sie schienen den ganzen Baum zu bevölkern. Es dauerte Stunden, sie alle abzusammeln und in den naheliegenden Fluss zu werfen, jedoch waren etliche der hängenden Güter angefressen, lösten sich gar unbrauchbar von ihren Zweigen.

Am einundzwanzigsten Tag schließlich warf ein starker Wind zu meiner Verwunderung einen aus dem Wasser gehobenen Karpfen durch eine Scheibe der Kuppel. Nur mit Mühen war es mir gelungen, bei dem Wind auf das Dach zu steigen und das Loch vernünftig abzudecken. Dies von Innen zu machen widerstrebte mir, da ich in Sorge war, dabei noch weitere Früchte von den Ästen zu schütteln. Ich schämte mich bereits dafür, wie kahl der Baum war, und Hoffnung auf eine baldige Rückkehr meines Herrn machte sich in mir breit. Der Karpfen sollte mir an diesem Abend, gebacken und versehen mit Gemüse und Kren aus dem eigenen Garten, das Gemüt zumindest kurzzeitig erheitern.

Dann, vierundzwanzig Tage nach seinem Verschwinden, kam mein Herr zurück, dieses Mal auf einem Pferd und dicht gefolgt von einer Kutsche. Vor dem Haus kam diese zum Stehen, und heraus eilten Männer und Frauen in Weiß mit Tüchern vor den Mündern. Gemeinsam halfen sie einem sichtlich ausgemergelten Herren die Stufen der Kutsche herunter.

„In mein Arbeitszimmer, folgt mir!“, sagte mein Herr, nahm die Stufen hoch zum Eingang des Hauses in zwei Sätzen und schnellte in sein Zimmer.

Die Gruppe folgte, in ihrer Mitte der schwächliche Mann. Eine prunkvolles Diadem sowie ein dezenter, aber herrlicher purpurner Reisemantel konnten nicht verdecken, dass hier der Tod an mir vorüberzog. Seine Augen waren glasig und leer, seine Lider verkrustet, seine Haut fahl und von schwarzen Striemen durchzogen. Eitrige Wunden und pulsierende Beulen zogen sich seinen Hals entlang und wölbten sein Hemd dort, wo man es unter dem Mantel noch sehen konnte. Sein Atem rasselte, und an jedem Hauch hielt er sich fest als hätte er Angst gehabt, es könne sein letzter sein.

„Bringt ihn hier rein, es ist noch nicht zu spät!“, hörte ich den Doktor rufen. Dann war es still. Dann der verzweifelte Ruf meines Herrn: „Die Schnecken, zum Donnerwetter nochmal, wo sind die Schnecken?“

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