Die Ankunft

Karneval in Venedig. Bunte Masken tanzten fröhlich durch die Straßen und über die Brücken. Die Stimmung war ausgelassen. Wein durchzog die Kehlen der Menschen wie das Wasser die Kanäle der Stadt. Die Einheimischen konnten und wollten sich dem Trubel nicht entziehen, die Fremden waren für dieses Spektakel mitunter wochenlang angereist. Schiffe aus aller Herren Länder legten reihenweise bei den zahlreichen Stegen an und brachten Trunk, Speisen und weitere Gäste aus der Ferne.

Eine einzelne Gondel näherte sich. Nur ein Mann an Bord, verhüllt in einen schwarzen Mantel und Maske. Neben einem Steg kam das Boot zum Stehen, ohne diesen dabei zu berühren und ohne, dass jemand es festhielt. Die schwarze Gestalt stieg aus und glitt zur Promenade hinauf. Vorbei an zwei Männern, die wie Wachen gewandet waren, dem Wachzustand jedoch bereits gänzlich entsagt hatten, mischte er sich kaum bemerkt unter das wandernde Karnevalsvolk.

Eingeklemmt in der Menge musste er sich dem Menschenstrom hingeben. Dieser führte ihn entlang des Ufers, durch schmale Gassen und über große Plätze. Der schwarze Umhang wurde durch Dreck und Lachen von vergossenem, angesäuertem oder ehemaligem Wein gezogen.

Eine junge Frau fühlte sich in einer Ecke unbeobachtet, kniete sich hin und hob dabei ihren Rock. Als sie einen Schritt weiter ging entblößte sie eine scharf riechende Hinterlassenschaft.

Ein alter Mann lag bäuchlings auf dem Boden in Erbrochenem. Ob sein eigenes oder fremdes ließ sich nicht sagen.

Eine Reihe von Männern versuchte am Rio Scoacamini zwischen den Rand der Promenade und eine leere Gondel zu urinieren. Sie waren wenig erfolgreich.

Die Anwesenden störte all dies nicht.

An der Piazza San Marco kam der Mann zum Stehen. Er stand nahe einem quadratischen Turm, dessen Spitze die Aufmerksamkeit aller Beistehenden auf sich zog. Ein herzzerreißendes Kreischen begann, sofort übertönt vom einsetzenden Jubel. Einem barbarischen Brauch folgend regneten Schweine zu Dutzenden vom Turm herab und klatschten erbarmungslos auf den Boden. Aus den aufgeplatzten Wunden der deformierten Körper floss sturzbachartig das Blut und bedeckte binnen Augenblicken große Teile des Steinbodens. Ein Rinnsal erreichte den untersten Rand des Umhangs. Der Mann neigte sich und wischte mit zwei Fingern durch die blutige Spur.

Es war in diesem Moment, als eine Unruhe um ihn herum aufkeimte. Ein überspringendes Gefühl, das etwas nicht stimmte. Wer den Mann sehen konnte bemerkte, dass die Maske nicht zu den übrigen passen wollte. Spitz, schwarz, mit runden, finsteren Augen.

Da setzte der Mann die Maske ab und entblößte ein jungenhaftes, schelmisches Gesicht, das die plötzliche Anspannung in sichtliche Verwirrung umschwenken ließ. Aus seiner Tasche holte er eine silberne Flöte und setzte an zu seinem Spiel. Ein zartes, fröhliches Spiel, das die Kleinsten unter Ihnen am meisten erfreute. Aus einem Abflussgitter nicht weit entfernt zwängte sich eine Ratte, hob den Kopf, lauschte der Musik und warf sich in den Fluss aus Kleidern und Beinen. Sie sollte nicht die Letzte sein.

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