Der weiße Turm zu Baalfeld

Zwischen den finsteren Buchen des Lephainer Forsts und den sanften Gipfeln der Harzer Berglandschaft, die dem dazwischenliegenden Tal zwar einen verspäteten, aber im Panorama der mächtigen Hügelkuppen und tanzenden Fichtenreihen umso erstaunlicheren Sonnenaufgang bescherte, da lag die Stadt Baalfeld an der reichen und rauschenden Ule. An das Leben in dieser Stadt meiner Jugend kann ich mich nur bruchstückhaft erinnern, zu lange schon ist es her, dass ich von dort flüchten und als einer unter Vielen die Gastfreundschaft des nahegelegenen Ulenfurts in Anspruch nehmen musste. Und zu lange schon lasse ich die Umstände dieser Flucht vor meinem geistigen Auge verblassen in Angst davor, man könne mich für verrückt halten. Es wäre aber ohne Zweifel ein Akt der Respektlosigkeit denen gegenüber, die nicht das Glück hatten, im letzten Moment dem Schrecken zu entgehen, der über Baalfeld ziehen sollte. Dieser eine letzte Moment an der Schwelle, der mir als ein Relikt einer fernen Vergangenheit noch so unnatürlich lebhaft präsent ist, dass schon die Gedanken daran nervenzehrender sind als jeder noch so reale Albtraum es sein könnte.

Baalfeld war eine vielbesuchte Hafenstadt und diente den schiffreisenden Händlern als Umschlagplatz und Bindeglied zwischen der Nordsee und dem rasch anwachsenden Ulenfurt, dem es zu diesem Zeitpunkt noch an einem genügend ausgebauten Hafenviertel mangelte. Obwohl also beide Städte direkt an der Ule lagen, verlief die Handelsroute von der See aus ab dem tiefer gelegenen Baalfeld über den Landweg. Die Stadt profitierte entsprechend ebenfalls von dem rasanten Aufstreben Ulenfurts und binnen kürzester Zeit wurde aus der einzelnen Häuserreihe am Ufer des Flusses eine blühende Handelsmetropole unter dem Banner der Deutschen Hanse.

An meine Familie erinnere ich mich kaum. Umso klarer sehe ich unsere Stube vor mir mit dem neu eingebauten Kachelofen, der dem Raum die nötige Wärme schenkte und den Qualm nach draußen ziehen ließ. Ein Privileg, das sich mehr und mehr Haushalte leisten konnten. Und ein Umstand, der Folgen haben sollte, wie man sie sich Jahre zuvor niemals hätte ausmalen können. Die Popularität der Stuben mit ihren neumodischen Öfen, noch stärker angetrieben durch den damit einhergehenden Anstieg des gesellschaftlichen Ansehens, führte bald zu einer massenhaften Rodung der umliegenden Wälder. Der Lephainer Forst zog sich immer mehr zurück, der Fichtenring um die Berge wurde immer schmaler und Baalfeld versank immer mehr in drückendem Rauch, der ihm bald den Beinamen der Stadt in den Wolken verschaffte. Dauerhaft brennende Zufahrtsfeuer waren unerlässlich, um für den Schiffsverkehr Sicherheit gewährleisten zu können, denn sogar die bis spät in die Nacht hell erleuchteten Seemannstavernen im Hafenviertel boten im dichten Dunstschleier nicht genug Anhaltspunkte zur sicheren Navigation durch die breite, mit Sandbänken und kleinen Inseln bewährte Ule.

Dann erschien eines Tages wie aus dem Nichts ein Turm im Zentrum von Baalfeld. Niemand wusste, wie er dort hingekommen war geschweige denn zu welchem Zweck. Er war einfach da, knapp einhundert Schritte im Umfang und so hoch, dass die Spitze des Turmes mit dem Qualm über der Stadt verschmolz. Er schien aus massiven Steinen gefertigt, doch waren diese makellos weiß und in derartiger Perfektion zusammengesetzt, wie es die erfahrensten Steinmetze nicht fertigbringen könnten.

Die Aufregung in den ersten Tagen war groß, doch Gewohnheit und Trott sind die größten Feinde des Wunderbaren, und nach einiger Zeit hatte man sich einfach abgefunden mit dem weißen Turm inmitten der Stadt in den Wolken. Einige Reisende hegten noch aufrichtiges Interesse an diesem grotesken Gebilde, doch schienen es die Erzählungen um den Turm niemals über die Grenzen der Stadt hinweg geschafft zu haben und ein größerer Andrang von Außerhalb blieb aus. Ich erinnere mich an ein Gespräch zwischen zwei Seeleuten im schummrigen Licht einer flackernden Laterne vor einem zwielichtigen Lokal. Einer der beiden sagte, wie oft er schon seinen Kindern in Hamburg von dem Turm habe erzählen wollen, es bisher aber immer schlichtweg vergessen hatte. Es käme ihm vor, als würden sich sämtliche Gedanken daran beim Verlassen der Stadt in Luft auflösen.

Die große Aufregung war verflogen, doch vereinzelt ließen sich Menschen auf der Straße beobachten, denen es von Tag zu Tag sichtlich schwerer zu fallen schien, ihren Blick von dem Turm abzuwenden. Diese Menschen, und dessen bin ich mir deshalb sicher, da auch ich zu ihnen zählte, spürten eine unbändige Anziehungskraft von dem blasphemischen Konstrukt ausgehen. Mit fortschreitender Zeit ließen diese sich auch immer schwerer davon abbringen, so sehr es die Situation auch erzwungen hätte. Händler, die sich Knöpfe statt Münzen andrehen ließen. Wirte, die Kindern Zutritt in die Tavernen gewährten. Abdecker, die sich mit ihren Karren auf dem Weg zur Schindgrube verliefen. All das gehörte zur Tagesordnung und zog eine mentale Schneise durch die einheimische Bevölkerung. Auf der einen Seite lachten sie über das seltsame Verhalten der Turmschauer, die Phrase des Hansel guck in die Luft als Herabwürdigung kam auf und erfreute sich unter den Nichtbetroffenen einer großen Beliebtheit. Auf der anderen Seite interessierte man sich stetig weniger für die Beschimpfungen und immer mehr für den weißen Turm inmitten von Baalfeld, der bis hoch in den Himmel zu führen schien. Letzteren gehörte auch ich an, und so kam es, dass ab dieser Zeit meine Erinnerungen beginnen zu verschwimmen. Ich glaube, mich wütenden Zusammenkünften zu entsinnen, die sich gewaltbereit vor verschlossenen Lokalen und dicht gemachten Lagerhäusern scharten. Die anfängliche Belustigung schien in Zorn über die Untätigkeit der Besessenen überzugehen. Essensreste, Schweineblut und Steine wurden an die Wände des Turms geschmissen und verunstalteten diese. Doch egal wie stark die Verschmutzung auch war, am nächsten Tag erstrahlte der Turm erneut in vollkommenem Weiß. Dann kam der Tag, an dem eine märchenhafte Melodie die Stadt durchströmte.

Es war der sanfte Klang einer Flöte, der mich kurz nach Sonnenaufgang weckte und ohne Zögern aufstehen ließ. In einem nebulösen Dämmerzustand, der mir sämtliche Kontrolle über meinen Körper entrissen hatte, ohne meinem Geist die Wahrnehmung zu verwehren, trottete ich aus meinem Zimmer, durch unsere warme Stube hinaus in den kühlen, rauchverhangenen Morgen. Wortlos zog es mich in die Mitte der Gasse vor der Haustür. Um mich herum taten es mir einige meiner Nachbarn gleich und Glied um Glied bildeten wir eine Kette, die sich zunächst wie ein Netz über die Stadt knüpfte und sich schließlich zu einem Knäuel um den Fuß der absurden Zinne herum ballte, immer der Melodie folgend.

Auf der weißen Wand zeichnete sich die Form einer Pforte ab, die Steine zogen sich zurück und ein Durchgang offenbarte sich den Umstehenden. Nacheinander traten wir hindurch in die Schwärze des inneren Turmes, bis nur noch ich übrig war. Ich wollte hindurch gehen, doch etwas hielt mich davon ab. Ich drehte mich um und sah, dass ich am Ärmel meines Mantels festgehalten wurde. Eine Frau, von der ich vermute, dass es meine Mutter gewesen sein könnte, wollte nicht von mir ablassen. Mit verzweifeltem Blick zerrte sie an mir, als fürchte sie, ich würde nicht wiederkommen. Ich spürte, wie ich die Macht über meine Bewegungen langsam zurückgewann, und blieb stehen. Hin und hergerissen schaute ich der Frau tief in die Augen, während sich ihr Griff wie auch die Anspannung in ihren Gesichtszügen etwas lockerte. Sie wirkte plötzlich bedeutend jünger, als sie es als meine Mutter sein dürfte.

„Komm doch mit“, sagte ich schließlich zu ihr, und ihr Gesicht legte sich wieder in tiefe Falten der Verzweiflung, ihre Jugendlichkeit war verschwunden und sie stemmte sich mit voller Kraft gegen meinen Versuch, ihrem Griff zu entweichen. Ich sah keine andere Möglichkeit, als mich aus meinem Mantel zu winden und ohne weiteres Abwarten in der Dunkelheit zu verschwinden.

Als ich die Pforte passiert hatte versank ich in unbändiger Finsternis. Der Durchgang war einfach verschwunden. Ich fühlte mich dennoch nicht verloren. Zuversichtlich folgte ich weiter dem Flötenspiel und setzte ohne darüber nachzudenken den Fuß auf die erste Stufe einer Treppe, die mich daraufhin an der Innenwand entlang in einem weiten Bogen immer weiter nach oben führte. Die sanfte Melodie wurde fortwährend lauter, bis sie sich schließlich mit einem anderen, weniger angenehmen Geräusch vermischte und diesem langsam zu weichen schien. Ein Rauschen, zunächst kaum definierbar, nahm bald den grauenhaft unwirklichen Rhythmus höllischer Chöre an, einer Kakofonie aus menschlichen Schreien und einem pandämonischen Gelächter, dem ich mit jeder Stufe näher kam. Ein einsamer, rot glühender Stern erschien über mir und ließ die Köpfe der Anderen blass aufleuchten. Es war, als würde sich eine glühende Spirale unablässig in den Himmel schrauben, dem unendlichen Nichts entgegen. Die Schreie hatten sich zu einem unerträglichen Maße verstärkt, als sich der Stern als eine weitere Pforte offenbarte, durch die wir einer nach dem anderen hindurchtraten. Die Herrschaft über meinen Leib, die ich zuvor noch zu mir zurückkommen wähnte, war mir erneut vollkommen entrissen, und ich konnte nur ohnmächtig dabei zusehen, wie auch ich dem blutroten Portal immer näher kam. Kurz vor der Schwelle, wie ein letztes Aufbäumen gegen die kosmische Gewaltherrschaft, der ich so hoffnungslos verfallen schien, kam mir der Gedanke, einfach zu springen. Den Turm herab, zurück durch die gähnende Schwärze. Was auch immer mir zustoßen mochte, es konnte nicht schlimmer sein als der Schrecken, der mich dort erwarten würde, wo es mich hinzog. Ein Schritt, ein kurzer Moment der Kontrolle würde reichen. Nur ein einziger, kleiner Schritt.

Doch es war zu spät. Ich trat über die Schwelle und stand inmitten der Anderen. Ich schaute mich um, die Pforte war verschwunden. Ich sah stattdessen die Hügelkuppen der Harzer Berglandschaft mit ihren breiten Fichtenringen, gegenüber der üppig bewachsenen Lephainer Forst vor der untergehenden Sonne. Dazwischen das Rauschen der ungezähmten Ule mit ihren schilfgesäumten, unbewohnten Ufern. In der Ferne glaubte ich, vor dem abendlichen Himmel den Kirchturm im Zentrum von Ulenfurt erkennen zu können, und zu meinen Füßen, da lag auf der wild bewachsenen Wiese mit dunkelroten Flecken gesäumt mein Mantel.

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