Der Weidenmann

Siehst du dort den Weidenmann?
Kennst du die Geschichten?
Hör’, was ich erzählen kann,
lass mich dir berichten.
 
Weidenmann, oh Weidenmann,
draußen auf der Wiese,
stumm und starr, der Weidenmann,
Tags ein sanfter Riese.
 
Schwingt die Finsternis die Fahnen,
ist die Dunkelheit erwacht,
zieht ein Schatten seine Bahnen,
schwärzer als die tiefste Nacht.
 
Seine Augen, nur ein Glimmen,
Überreste alter Zeit,
um ihn seiner Opfer Stimmen
bleiben stets ihm zum Geleit.
 
„Weidenmann, oh Weidenmann,
höre unser Flehen,
lass uns doch, oh Weidenmann,
in die Stille gehen.“
 
Grausam sucht er immer weiter,
zieht sie mit in seinem Schweif,
und es bleibt vom Weidenreiter
seine Spur, ein Nebelstreif.
 
Suchst du ihn, bleib an der Pforte
zwischen Dämmerung und Nacht,
harre aus an diesem Orte,
bis zum Antritt seiner Wacht.
 
„Bist du es, der Weidenmann,
der aus den Geschichten?
Hör, was ich dir bieten kann,
wirst du für mich richten?“
 
Sprichst du Recht, wird er dich hören,
lässt ihn walten, seinen Griff,
steuert unter Geisterchören
durch die Nacht sein Weidenschiff.
 
Flechtet eine neue Seele
in sein dichtes Astgewand.
Legt sodann um deine Kehle
seine dürre Weidenhand.
 
„Hat er nun, der Weidenmann,
seinen Dienst gezollt.
Quid pro quo, der Weidenmann
fordert seinen Sold.“
 
Rufst du ihn, den Weidenmann,
so ruf ihn mit Bedacht.
Sonst halt dich fern vom Weidenmann
im Finsteren der Nacht.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s