Das Lied von Eis und Erdnussbutter

Vor langer Zeit in einem weit entfernten Reich, da herrschte ein weiser und gütiger König. Seine Untertanen liebten und achteten ihn und er liebte und achtete seine Untertanen. So wurden am Hofe des Königs große Feste gefeiert und die Tore standen für alle offen, sodass sich die Tafel beizeiten bis über die Grenzen der umliegenden Stadt zog. Dabei waren die Speisen ebenso vielfältig wie die Gäste, für jeden war etwas dabei.

Dann, eines Tages, wurde der König bettlägerig, denn das viele Essen führte zu starkem Übergewicht. In seiner Weisheit übergab er die königlichen Geschäfte an die nächste Generation, seine beiden Söhne. Diese jedoch waren sich nicht immer einig in ihren Ansichten.

„Viel zu lange geht dieser Wahnsinn schon auf diesen Festen um“, sagte der Jüngere, „In Zukunft wird es nur noch den einzig wahren Nachtisch geben: Speiseeis!“

„Unsinn, Bruder. Es kann nur einen Nachtisch geben: Erdnussbutter mit Salzcrackern!“, erwiderte der Ältere. Auch das Volk sollte von diesem Streit nicht unbeeindruckt bleiben und so teilte es sich in jene, die dem Speiseeis zugeneigt waren und solche, die Erdnussbutter bevorzugten. Ein blutiger Bürgerkrieg schien unausweichlich.

„Warum aber“, sagte eines Tages ein durchreisender Prediger, „kann denn nicht die Erdnussbutter auf einem Tisch neben dem Speiseeis stehen?“

Sein Kopf rollte noch am selben Tag. Zur Feier des Spektakels wurde ein riesiges Fest veranstaltet. Doch uneinig darüber, was denn nun zum Nachtisch aufgetischt werden sollte, gerieten die königlichen Brüder in unbrüderliche Handgreiflichkeiten. Die darauf folgenden Ausschreitungen spalteten das Reich über viele Jahre hinweg, bis das Gefolge des Älteren sich letztlich geschlagen geben musste. Drahtzieher wurden gehängt, Kollaborateure geköpft und der ältere Bruder in geschmolzenem Speiseeis ertrunken. Friede kehrte ein in das nun drastisch bevölkerungsärmere Reich.

Man hatte die Ereignisse schon fast vergessen, da kam ein Händler zum nun einzigen Sohn des Königs und bot ihm im Beisein seiner Gefolgsleute eine neuartige Eissorte an.

„Was ist es, was da so erheiternd meine Zunge benetzt?“, fragte er begeistert.

„Das ist Erdnussbuttereis!“, sagte der Händler.

„Hervorragend! Es soll fortan zu jedem Fest als Nachtisch serviert werden!“, verkündete der Königssohn daraufhin.

„Aber Herr, war es nicht die Erdnussbutter, die wir so lange bekämpft hatten? Sind nicht  so viele Menschen dafür gestorben?“, sagte einer seiner treuesten Anhänger. Die vielen Jahre des Kampfes und der Entbehrungen waren tief in sein ausgemergeltes Gesicht graviert.

Der Sohn des Königs zuckte mit den Schultern und nahm genüsslich einen weiteren Löffel. „Da machste manchmal nix!“

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