Das Bildnis

Obschon der ganzen zivilisierten Welt die unerreichte Kunstfertigkeit des Bildhauers Heinrich von Düsseldorf bekannt gewesen war, hatte niemand mit dem gerechnet, was dieser nach drei Jahren der Isolation der Welt offenbaren würde. Mitten im Zentrum von Ulenfurt über die gesamte Länge der Kirche des Heiligen Sebastian, hatte er hinter schweren Vorhängen und unter ständiger Bewachung in sorgsamer Kleinstarbeit den eigens aus den fernen Morgenlanden herangeschafften Stein behauen. Die Bewohner der Stadt hatten sich so sehr daran gewöhnt, dass sie mit der Offenlegung des Werkes schon gar nicht mehr gerechnet hatten.

Im Gegensatz dazu hatte sich die Ankündigung derart schnell verbreitet, dass sie augenscheinlich die gesamte Bevölkerung erreicht hatte, obgleich sie nur einen Tag vorher in Umlauf gebracht worden war. Die Menge vor der Kirchenmauer füllte zur Mittagsstunde den gesamten Platz aus und dehnte sich noch weit bis in die anliegenden Straßen und Gassen. Wer das Glück hatte, in Sichtweite der Mauer zu wohnen, saß teils füßebaumelnd, teils vornüber gelehnt am Fenster und einige Kinder waren gar das irrwitzige Wagnis eingegangen und auf die Dächer geklettert, wo sie nun unter den Flüchen mancher Eltern ausharrten und das Schauspiel verfolgten.

Seitlich der verhangenen Wand standen neben dem Künstler selbst sämtliche Angehörige des Stadtrats, einige namhafte Adelsvertreter sowie einflussreiche Kaufleute, umgeben von den Stadtwächtern, die in ihrer klassischen Festtagsuniform gewandet waren. Der Bürgermeister verkündete seine zu diesem Anlass neu angeordneten Plattitüden und gab gestisch die Aufforderung, den Vorhang fallen zu lassen und das Werk offenzulegen.

Ein Rauschen unzähliger Stimmen bahnte sich wellenartig durch den Teil der Menschen, deren Sicht nicht durch Umstehende eingeschränkt war, und schlug binnen Augenblicken in einen tosenden Beifall um, der noch die entferntesten Ausläufer der Menge erregt aufschäumen ließ.

Ein meterlanges Relief, so kunstvoll gemeißelt, dass es dem Betrachter glauben ließe, er sähe tatsächlich das versteinerte Leben anstelle des lebendig gestalteten Steins. Manche der Zuschauer schreckten gar zurück in der instinktiven Auffassung, die Figuren würden wahrhaftig aus dem Bild heraus auf sie zustürmen. Eine Heerschar himmlischer Krieger mit flammenden Schwertern, weiten Schwingen und unter dem Schein einer höheren Macht bildete den oberen Teil, unten tummelte sich ein grauenvolles Pandämonium, hervorgeholt aus den tiefsten und schwärzesten Furchen irdischer Vorstellungskraft. Zwischen den Fronten die Menschen, machtlos und mit vor Angst verzerrten Fratzen, aufgespießt, zerrissen, niedergetrampelt. Und im Zentrum standen die vier Reiter.

Der erste Reiter, den Kranz auf seinem Haupt und der Bogen gespannt, mit einem Lächeln, das den Sieg bedeutet. Der Zweite, die lange Klinge führend, dem Kampf entgegenlachend. Der Dritte, feixend die Waage vor sich her tragend. Und schließlich der vierte Reiter der Apokalypse, sein Ausdruck starr und leblos.

Keinem der Anwesenden entging die Exzellenz dieser Darstellung, die vom Herzblut des Meisters durchdrungen zu pulsieren schien. So hatten die Angehörigen des Stadtrats genug Zeit, sich gegenseitig zu beglückwünschen für diese gelungene Entscheidung, während die Stürme der Begeisterung um ihre Ohren rauschten. Dann tat jemand lachen.

Das brausende Stimmengewirr ebbte schlagartig ab und Unsicherheit machte sich breit. Man suchte die Quelle dieses höhnischen Gackerns und aus der Mitte der Zuschauenden heraus zog sich langsam eine Schneise zur Kirchenwand hin. Ein Mann mit jungenhaften Gesichtszügen und einem spitzbübischen Lächeln trat hervor und hüpfte vergnügt auf das Bildnis zu. Völlig überrannt von dieser gotteslästerlichen Unverschämtheit brachte es keiner der Anwesenden zustande, ihn davon abzuhalten.

„Warum schaut der denn so traurig?“, sagte der Mann und begann zum Entsetzen aller an der Wand empor zu klettern. Am Hals des vierten Pferdes hängend, griff er in die Tasche seines schmutzig gelben Mantels und holte sie wieder hervor, ohne das es ersichtlich gewesen wäre, was er herausgeholt hatte. Er streckte seine Hand nun nach oben, strich dem Reiter über den Mund, und ein roter Streifen verlieh dem ausdruckslosen Gesicht ein hämisches Grinsen.

„So ist es besser“, sagte der Mann, stieß sich ab, landete sicher auf beiden Füßen auf dem Boden und fing an zu lachen.

„Das… ist die absolute Höhe!“, brüllte der Bürgermeister, der sich aus seiner Starre wieder gelöst hatte.

„Nein, so hoch habe ich mich nicht getraut“, sagte der Mann und grinste schelmisch. Der Bürgermeister indes konnte sich nicht mehr zurückhalten und stürmte auf den jungen Mann zu.

„Niemals habe ich so etwas Unerhörtes erlebt! Dieses Relief ist auf mein Anraten hin eigens für diese Stadt geschaffen worden und als Vertreter dieser Stadt verlange ich demgegenüber den gleichen Respekt, wie er auch mir und den anderen Angehörigen des Stadtrats gebührt.“

Die Beiden waren sich inzwischen so nahe gekommen, dass man den erhobenen Zeigefinger nicht mehr zwischen ihre Nasenspitzen hätte schieben können. Da erblasste der Bürgermeister vor dem Hintergrund des Reliefs, während seine weit aufgerissenen Augen einer Ausbeulung folgten, die sich von der Manteltasche des Mannes an dessen Brust entlang nach oben schob. Der Kopf einer Ratte, das Fell passend zu den mondgelben Zähnen, wühlte sich unter dem Kragen hindurch, zog sich am Hals empor und machte es sich auf der Schulter des Mannes bequem. Frisches Blut hatte ihre kleinen Lefzen getränkt. Der Mann hob die Hand, sein Daumen ebenfalls blutig, und er wischte dem Bürgermeister ein freudiges Lächeln ins Gesicht.

„Euer Wunsch sei mir Befehl“, sagte er, machte eine tiefe Verbeugung, bei der seine zweizipfelige Kapuze über seinen Kopf rutschte und ihm für einen kurzen Augenblick den Umriss eines Dämons verlieh, der dem Bürgermeister den kalten Schauer über den Rücken laufen ließ. Rückwärts tippelnd machte sich der Mann auf den Weg zur Menschenmenge, während die Ratte neben ihm hersprang, und als der erste Stadtwächter sich seiner Pflicht wieder bewusst wurde, waren beide zwischen den Zuschauern untergetaucht.

„Bringt ihn mir“, hallte die Stimme des Bürgermeisters über die Köpfe der Anwesenden hinweg, doch mit einem solchen Lächeln konnte ihn niemand ernst nehmen und so kam es, dass sich im nun aufkeimenden Gelächter keiner an dem Pferd störte, ein schmutzig matter Falbe mit blutigen Nüstern, der sich erhob und den jungen Mann von der wogenden Masse unbeeindruckt davontrug. Unterdessen ließ sich der Bürgermeister, das Gesicht mit seinem Ärmel verhüllt, von den Wächtern durch das Kirchengebäude eskortieren.

Es dauerte bis in den späten Abend, bis sich der Trubel aufgelöst hatte, doch es sollte schon am folgenden Tag zum nächsten Aufruhr kommen. Aufgebracht scharte es sich vor dem einzigartigen Relief im Zentrum von Ulenfurt zusammen als man bemerkte, dass es bereits in der ersten Nacht nach seiner Enthüllung geschändet worden war. Dort, wo der rote Streifen gezogen worden war, klaffte eine tiefe Kerbe. Der erste Blick verriet schon, dass es sich unmöglich um eine Änderung von Meisterhand handeln konnte. Beim zweiten genaueren Blick offenbarte sich auf zutiefst verstörende Art, dass es vielmehr wie von kleinen Zähnen in den Stein genagt sein musste. Der Bürgermeister ließ sich seither nicht mehr in der Stadt sehen, ohne dass sein Gesicht dabei verhüllt blieb.

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